Die Oderschiffer

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Das Schicksal der Oderschiffer
Die Tragödie einer großen Flotte - Verschollen und vergessen

Im Stromgebiet der Oder, unmittelbar an den Ufern ihres 650 Kilometer langen Laufes, von
Cosel bis Stettin schiffbar, lebten etwa 10 Millionen Menschen. Vom Verlassen der Städte,
als diese dahinsanken in ihrem Brandschutt, berichten viele Chroniken. Nur wenig hört und
weiß man vom Schicksal der Oderschiffer, die meist in den Dörfern wohnten. Wohin hat sie
vor über fünfzig Jahren der Sturm vom Osten verweht, und was ist aus den Kähnen und
Dampfern geworden, die einst das Bild des Flusses stromauf und stromab so malerisch
belebten?
Nur etwa dreihundert Oderkähne bzw. Dampfer sind damals in den Westen gerettet worden.
Das sind aber nur zehn vom Hundert aller Schiffe, die vor Kriegsende den Strom befuhren,
mit oberschlesischer Steinkohle, mit Getreide und Holz meist talwärts, mit schwedischen
Erzen meist flußaufwärts. Über die restlichen Neunzehntel aber senkt sich der Vorhang
einer Tragödie, deren Schauplatz bis tief in den Osten reicht. Es wird wahrscheinlich
niemals möglich sein, dies Schicksal genau zu beschreiben. denn es gibt keine authentischen
Zahlen und Daten. Vielleicht übersteigt es auch menschliche Darstellungskraft, die
ungeheuerlichen Ereignisse, die sich einsam und verloren abspielten, in Sätzen
auszudrücken. Soviel nur ist sicher, daß 1945 viele hundert Kähne zerstört und von der Oder
verschleppt worden sind.
Etwa zweihundert Kähne fuhren auf der Oder unter anderer Flagge. Die vielen anderen
tausend Schiffe wird keine Statistik erfassen, die „Totenschiffe“, die während der
Kriegshandlungen auf der Oder ausbrannten, oder die, für Königsberg bestimmt, über
Swinemünde in die Ostsee hinaustrieben, von denen die meisten kenterten oder untergingen
„mit Mann und Maus“. Niemand zählt auch die Schiffer selbst, die unterwegs oder in
Königsberg oder auf dem Binnenwege dahin an Hungertyphus starben, unbekannt,
namenlos.
Nur das Bild der Oderschiffahrt ist erhalten geblieben, in bunter Lebendigkeit, dem man
sich seIbst zugehörig fühlte als Zuschauer von den Oderbrücken in Oppeln, in Breslau,
Glogau, Crossen, Frankfurt (Oder), Küstrin. Ganz verloren war man in den Anblick der
Schiffe. In langen Schleppzügen kamen sie heran, kippten den rauchenden Schornstein
zurück, verschwanden dann unter der Brücke, und an der anderen Seite, wohin man schnell
hinüberging, tauchten sie wieder auf und fuhren, von schwerer Ladung tief im Wasser
liegend, davon. Buntfarbig leuchteten ihre Rümpfe, bunt waren auch die Blumen, die in
Holzkisten über der Kajüte den ganzen Sommer blühten. Und während die Schiffsfrau
unbekümmert ihre Wäsche an die Leine hängte, bellte ein Hündchen zu den Menschen auf
der Brücke hinauf.
Stolze Namen hatten die Dampfer, “Neptun“, „Merkur“ oder auch Städtenamen „Breslau“,
„Glogau“, „Ratibor“, „Oppeln II“. Dahinter kamen die Kähne, die Lastenträger der Schif-
fahrt; sie trugen meist nur die Namen ihrer Besitzer, manchmal auch hübsch poetisch
irgendeinen Mädchennamen. Klein und bescheiden lautete ihre Firmierung, denn sie waren
keine großen Reeder, aber doch angesehene Schiffseigner-Familien, lange, alte
Geschlechter unter den Oderschiffern, die sich mühsam und sparsam zu Schiffsbesitzern
heraufgearbeitet hatten. Diese Schiffseigner waren meist gleichzeitig auch Bauern, Männer
am Steuer wie am Pflug. Ihr Ziel, das sie endlich erreichten, war immer Wohlstand zu
Wasser und zu Lande. Sie liebten die feste Erde, die Uferwiesen und Äcker am Strom, doch
ihre Sehnsucht galt dem Wasser, das sie zu gewinnen und zu beherrschen wußten, von
Schiffsjungen mit leerer Hosentasche bis zum Schiffseigner oder gar Werftbesitzer.

In Datteln im westdeutschen Kanalgebiet, in Dortmund, Emden, Wesel, Hamm und
Duisburg-Ruhrort hört man zuweilen unverkennbar schlesische Laute. Manch alter Oder-
Käpt`n hat dort wieder anfangen müssen als einfacher Bootsmann oder Maschinist. Aber die
Kanäle des Rhein-Ruhr-Gebietes sind künstliche Flüsse und heimeln die Oderschiffer wenig
an, besonders, wenn sie daheim auch noch Bauer gewesen sind. Ihr Schiff von einst, ihr
Haus und Dorf und die heimisch-ländliche Fülle, dies alles tragen sie im Gemüt, und sie
kennen die ganze Reihe der Schifferdörfer am Oderstrom, und sie wissen ihre Namen noch
auswendig, die schlesischen, die brandenburgischen und die pommerschen von Coselhafen
bis Stettin, und sie hüten sie wie kostbare Perlen, die man am schimmernden Bande
aufgereiht sieht.

 

Quelle:  Zeitungsausschnitt-50Jahre-LV-Bayern

 

 

 

                   Schleppzug auf der Oder

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