Breslau einst und jetzt

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Hans Lindner, Treck-Arzt eines Flüchtlingszuges schildert hier seine Erinnerungen. Am 10. November 1945 hat er
        seine Heimatstadt Breslau verlassen. Das Manuskript befand sich im Nachlass von Berta Hampel.


                                    Breslau einst und jetzt.

 

Einst war Breslau die schönste Hauptstadt und der Kraftvolle Mittelpunkt unseres schlesischen
Heimatlandes. Über das Häusermeer der großen Hanse-Stadt im Osten ragten die gewaltigen
Türme des Domes, der Sand-, Matthias-, Elisabeth- und Magdalenenkirche, die zarten schmalen,
hoch empor strebenden der Kreuz-, Trinitatis- und Michaeliskirche weit ins Land, dem Schlesier
ein vertrauter, lieber Anblick, dem Fremden von ehrfurchtgebietender Größe. Auf flachem,
schlesischem Lande ist aus der einstigen Furt mittelalterlicher Handelswege seit 1241 in
fruchtbarem Wachsen eine blühende Bürgerstadt zu beiden Seiten unserer schwer fälligen grauen
Oder geworden. Keine Burgen stehen an ihrer Seite und auch nur wenige Schlösser, aber breite
Dörfer, trutzige Städte und unsere schönen, wilden Oderwälder. Ein Arbeitsfluss ist die Oder,
fleißig und unermüdlich mit breiten Kohlenkähnen aus Oberschlesien auf ihrem Rücken fließt sie
durch unser schönes Heimatland bis in die Ostsee, die unsere ehemalige Hansestadt Breslau mit
den fernen Meeren verbindet. Die Oder ist es auch, die unserer Heimatstadt das Gepräge gibt. Ihr
Lauf geht quer durch die große Stadt, ihre Kanäle, Nebenarme und der Geschichten reiche
Stadtgraben teilen und umgeben das Gewirr der Gassen, umfassen das Kleinod der Stadt, unsere
Dom-Insel mit ihren herrlichen Gotteshäusern, dem eheren Sandstein-Dom, der Frühgotik des 13.
Jahrhunderts und  unserer Kreuzkirche (1281) mit ihrem gotischen Lichtzauber und dem Grabe
Heinrichs IV, dem schlesischen Minnesänger, mit dem Sitz des Bischhoffs und der Domherren, mit
den Konvikten und Internaten. Daneben liegt die Sand-Insel mit ihren Kirchen, ihren Mühlen,
Gassen und alten Handels-Häusern, die im Kern der Stadt, am Ring, der Schuh- und
Schmiedebrücke, der Albrecht- und Schweidnitzerstraße in mittelalterlicher Bauweise fortgesetzt
werden. Von ihnen lesen die Fremden in Gustav Freytags „Soll und Haben“ wo die alten Ohlen
aller Handwerkszünfte von den Gerbern zu den Kupfer- und Messerschmieden, wo die Kätzelohle,
der Salz- und der Roßmarkt und das große Rathaus ihr emsig und beschauliches Leben
widerspiegeln. Neben der Sand-Insel liegt die  Matthiaskunst, die Wasserkunst der alten
Jesuitenklosterschule zu St. Matthias, der Lehrstätte der Ritter vom roten Kreuz und Stern, in deren
Klosterkirche Angelius Silesius, der schlesische Mystiker, begraben liegt. Eng benachbart steht am
Ritterplatz das Ursulinerkloster, einst Heimstätte der unbeschuhten Clarissinnen, nachmals
langjährige Klosterschule für Mädchen, bis eine entartete Zeit vor wenigen Jahren ihre Tore schloss.

Zum Klöster gehörte die Vincenzkirche, weit über Schlesiens Grenzen berühmt durch das Grab
Heinrich II, des Siegers in der Mongolenschlacht zu Wahlstatt im Jahre 1241, des Sohnes der
Heiligen Hedwig, unserer schlesischen Schutzpatronin, die in Trebnitz ruht. An diesen Grundfesten
Breslauer Geschichte schließt sich in breiter Front längs der Oder unsere Alma Mater an, die 1715
von den Jesuiten gegründete Universität, die 1811 durch Friedrich Wilhelm verstaatlicht und nach
ihm benannt wurde. So finden wir auf Schritt und Tritt vom Fechterbrunnen zum Gabeljürgen, vom
Ketzerberg zum Klösseltor Zeugen und Zeichen unserer Jahrhunderte alten Breslau Geschichte,
Sagen umwoben und geschichtenreich, lieb und teuer jedem, der in ihrer Nähe groß wurde,
freundliche Stätte für den, der hier eine neue Heimat suchte. So sind in den letzten schweren
Kriegsjahren aus den ehemals 650000 Einwohnern unserer Stadt fast oder sogar über 1 Million
Menschen geworden, die in der schönen und reichen Großstadt im Osten unseres Vaterlandes
gastfreundlich Aufnahme fanden.

Breslau, in dem ein Sänger- und Turnerfest trügerische Hoffnungen auf einen langen Frieden
in den Herzen der Gäste aus allen deutschen Gauen legte, war in dem plötzlich hereinbrechenden
Kriegsgeschehen, im Polenfeldzug, die frontnahe Stadt geworden. Dann jedoch bewahrte ein
gütiges Schicksal lange Jahre hindurch unsere Heimatstadt vor der schrecklichen Verwüstung, die
die Städte im Westen des Reiches heimsuchten, sodass schon mancher sich zu sicher fühlte,
hartherzig wurde gegen die Armen mit dem anderen Schicksal, dass gar vielen das Verständnis
dazu fehlte, sich in das schwere Los der Ausgebomten einzufühlen und so zu helfen, wie es die
Nächstenliebe verlangte.

So kam das Jahr 1945 heran und damit auch die Schicksalswende für Breslau. Wir haben alle noch
jede Stunde dieser schrecklichen Tage in Erinnerung, als die Flüchtlingszüge aus unseren
Grenzorten durch unsere Straßen zogen, als auch wir ganz plötzlich alles Bisherige abbrechen
mussten und in bitterer Kälte, in überstürzter Eile Tausende und Abertausende die Stadt verließen.       
Wenige nur blieben zurück. Es waren außer den geringen Wehrmachtsteilen, außer den in den
Volkssturm gezwungenen Vätern, Greisen und halb erwachsenen Jungens nur noch 80000
Menschen, zumeist alte und Kranke. Aber ein Viertel dieser Restbevölkerung fand in den
kommenden drei Festungs-Monaten den Tod durch Bomben und Artillerie-Einschläge, durch
Brand und Einsturz unserer schönen Stadt Breslau. Ich habe in dieser Zeit eine Kirche, ein
historisches Bauwerk, ein Straßenzug, ein Wohnviertel nach dem andern, einst stolze Stätten
deutscher Kultur und Baukunst alter Breslauer oder allgemein deutscher Geschichte
zusammenstürzen oder abbrennen sehen. Ostern 1945 brannte die gesamte Innenstadt, wenige
Tage später die Scheitniger Vorstadt aus.

Unsere Hauptstraßen wie Schweidnitzer- Ohlauer- Albrecht- und Reuschestraße, die  Schub- und
Schmiedebrücke mit ihren Nebenstraßen bildeten das grausige, erschütternde Schauspiel eines
riesigen Feuermeeres, das durch die Straßen ran, Haus um Haus ergriff, eine gewaltige Lohe mit
riesigen Funkenregen und einer Gluthitze, die unerträglich wurde und Tage-, ja wochenlang nicht
verlöschen wollte. Grauenhaft war der Anblick der brennenden, sterbenden Stadt. Leider wurde
neben den Verwüstungen durch Bomben und Granaten, durch eine uferlose Kriegsführung, die
katastrophale Folge eines Kadavergehorsams, unseres größten Fehlers, den Befehl über jedes
Denken, Recht, Gewissen und besseres Wissen zu stellen, eine große Anzahl von Straßenzügen
restlos niedergebrannt, oder weg gesprengt. So ist nunmehr der gesamte Süden und Westen der
Stadt Breslau als Hauptkampfgebiet der Festungsfront ein trauriges, dumpf und abstoßendes
Trümmerfeld. Kaum findet man, wo einst die Goethe- und Hohenzollernstraße, die Gabitz- und
die Höfchenstraße, wo im Westen die Flughafensiedlung und wo die Nebenstraßen der langen
Frankfurter-Ausfallstraße lagen. Sporadisch stehen hier und da ein oder zwei bewohnbare Häuser,
einige Villen am Wasserturm, am Südpark, wenige Wohnungen längs der erheblich zerstörten
Klosterstraße und Ofenerstraße. Überall ein unsagbar trostloser Anblick. Wie durch ein Wunder
blieb unser schönes, altes Rathaus trotz großer Schäden stehen.
Der berühmte Schweidnitzer Keller beherbergt seit Monaten das Krankenhaus Bethesda. Ebenso
hielt die Kurfürstenseite des Rings, das Greifenhaus und der stadtbekannte Käse-Böhm der
Vernichtung stand. Die Goldene Becher, die Naschmarkt und die Grüne Röhrseite liegen fast völlig
in Trümmern.  Auch die schöne Elisabethkirche blieb uns erhalten, während die Magdalenenkirche
noch im September  wie ein weidwunder Riese mit Südturm und Chor über die Schuhbrücke
stürzte. Die Gartenstraße ist tot. Hauptbahnhof, Schauspielhaus und Konzerthaus, Bildermuseum
und unser Schloß sind ausgebrannt. Das Stadt-Theater jedoch blieb erhalten und spielt jetzt unter
polnischer Leitung.

Kommt man vom früheren Hauptbahnhof über die ausgebrannte Taschenstraße an dem gesprengten
Aufbau der Liebichshöhe vorbei über die vollkommen zerstörte Ohlauerstraße hinweg, an den
Ruinen der Hauptpost, der Dominikanerkirche und des ehemaligen Postscheckamtes vorbei, links
und rechts die Reste des Lessingplatzes, der Lessingschule und der alten Regierung immer längs
der Fahrstraße unserer früheren Straßenbahnlinie 3 entlang, so sieht man von der auf Holzlasten
gesetzten Kaiserbrücke auf die völlig zerstörte Dom-Insel wo schwarz und anklagend die Stümpfe
der beiden Dom-Türme, die Trümmer des gänzlich ausgebrannten Domes, der zerstörten Kreuz-,
und Sandkirche in den Himmel ragen, wo die Reste des Bischhöflichen Palais, des Kapitelweges,
der Carien herüberschauen. Auch das Josephs Krankenhaus ist völlig zerstört.  In dessen Bereich
fielen allein 21 Bomben, weil die Dom-Insel, welch wahnwitziges Ende, langwöschentliche
Artillerie-Basis der Festung war. Jedoch blicken wir geradeaus. Hier herrschte ein ungeheuerer
Vernichtungsprozess. Von der Kaiser-, bis zur Fürstenbrücke wurde unter unsagbaren
Menschenverlusten (die in der Stadt gebliebenen Frauen und Kinder mussten Tag und Nacht unter
ständigem Beschuss und Bombenabwurf dort arbeiten) ein Rollfeld gebaut.
Nach absprengen der Pfeiler der Kaiserbrücke wurden systematisch die Straßen auf beiden Seiten
abgebrannt, weggesprengt und planiert. Die Brückenhäuser, die Gellhornstraße, die Lutherkirche,
der Scheitniger Stern, die Kaiserstraße mit Post und anderen neuen Bauten, die Genisiuskirche,
Teile der Hanse- und der kleinen Fürstenstraße sind vollkommen vom Erdboden verschwunden.
Rechts sind die wenig beschädigten Kliniken, links der Häuserblock zwischen Sternstraße und
Fürstenstraße die Ränder dieses Wahnsinn-Werkes. Die Vororte Zimpel, Bischofswalde, Leerbeutel
und Carlowitz sind nun seit Mitte der Festungszeit die Hauptwohngebiete der restlichen
Bevölkerung.
Die provisorische Regierung, die zivile Verwaltung von Schlesien und somit auch von Breslau
und die Stadtverwaltung haben ihren Sitz im ehemaligen Oberlandesgericht. Sitz der schlesischen
Wojwodschaft, anfangs in Liegnitz, nunmehr im neuen Regierungsgebäude in Breslau gegenüber
der völlig zerstörten Uferzeile. Die russische Besatzung (ihre Hauptkommandantur) lag erst im
Polizeipräsidium, jetzt in der Memellandstraße Ecke Sternstraße und lässt der Polnischen freie
Hand. So ergießt sich täglich in diese Wüstenei ein Strom feilschender polnischer Miliz und eines
unersättlichen, gierigen Händlervolkes, den Deutschen die letzten Kleider vom Leibe reißend.
So wurde aus Breslau die Stadt Wrozlaw. Alle Straßen werden polnisch benannt, keine deutsche
Aufschrift bleibt, ob Geschäft oder Wohnung, Wegweiser oder Litfaßsäule. Wir Deutschen müssen
weiße Armbinden tragen, welche Anordnung von uns allgemein begrüßt wurde. Polnische Schulen
werden eröffnet, die auch deutsche Kinder unterrichten wollen. Die noch erhaltenen Kirchen
werden von den Polen übernommen wie die Dorotheenkirche, die Corpus Christikirche und andere.
Am Scheitniger Stern, dem Rollfeld, nunmehr Plac Tarowegu oder Grunwaldozki genannt, lebt und
regiert der schwarze Markt, wohlfeil dem, der für maßlose Slotypreise kaufen kann, denn es gibt
hier alles, unerfüllbare Sehnsucht denen, die hungern und frieren, denn es gibt keinerlei
Zuteilungen in Wrozlaw. Die Friedhöfe an den Kirchen, in den Gärten und Hinterhöfen der Häuser,
an den Straßenrändern und Trümmerhaufen, im Grauen der Festungszeit entstanden, wachsen und
wachsen.

Am 10. November 1945 habe ich meine Heimatstadt Breslau verlassen, eine tote Stadt voller
Trümmer, Gräber, verhungerte, bleicher, geschlagener Menschen und polnischer Schilder. Es war
einer der letzten „freiwilligen Rückwanderer Trecks“ die vor dem Winter in kaum vorstellbarem
Zustand über Rawitsch fahren, bei Forst die Grenze überschritten, ein Grauen hinter sich lassend.
Frauen, Greise, Säuglinge, Kranke und Sieche, ein Strom unbeschreiblichen Elends entlädt sich an
der Grenze, Tag für Tag und füllt die Flüchtlingslager als traurige Nachhut des Krieges. Nehmt die
auf, Ihr Alle, die Ihr schon ein geordnetes Dasein habt, Ihr Glücklichen, die Ihr eine Bett, einen
Mantel oder gar eine warme Stube besitzt.  Denkt daran, denkt immer und immer wieder daran.
Wollt Ihr Euch bewahren vor der größten Sünde dieser Zeit, der Gewöhnung an das Elend der
Anderen, der Abstumpfung und der Gleichgültigkeit gegenüber fremder Not, denkt an die
Flüchtlinge, denkt an die Heimatlos gewordenen Kriegsgefangenen, Kriegs entlassenen, macht
Euch nicht erneut und abermals tausendmal abermals schuldig.
Ihr Schlesier aber haltet zusammen, seid Stark, denkt an Eure Heimat, denkt an die, welche dort
noch immer aushalten, helft einander, seid bescheiden und dankbar und bleibt unserem Schlesien
treu.

                                                            Hans Lindner
                                              Treck-Arzt eines Flüchtlingszuges.



 

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