Die ev. Kirche in Auras

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Walter Schmidt

Veröffentlicht auf unserer Heimatseite seinen Beitrag über:

                                                                                                    
Die Schicksale der Evangelischen Kirche von Auras/Oder.

Vor 120 Jahren wurde die Evangelische Kirche von Auras eingeweiht


   Im November 2014 jährt sich zum 120. Mal der Tag, an dem die neu erbaute evangelische  Kirche der Stadt Auras an der Oder im Kreis Wohlau eingeweiht wurde. Am 29. November 1894 fand in feierlicher Weise die Übergabe des Schlüssels an den Generalsuperintendanten der Provinz Schlesien D. et Dr. Erdmann statt, der das Gotteshaus aufschloss und vor einer großen Festgemeinde auch die Weiherede hielt. Bis zu diesem Ereignis zieht sich eine komplizierte und widerspruchsvolle Entwicklung der Kirchen in Auras über mehr als sechs Jahrhunderte hin.

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   Auras besaß schon seit dem frühen 13. Jahrhundert eine eigene Kirche. Eine erste Kirche, geweiht auf  den Erzengel St. Michael, wird für Auras im Jahre 1218 erwähnt.  Diese Kirche wurde in der Reformation evangelisch und stand unter dem Patronat des evangelischen Freiherrn Abraham Christoph von Jörger, der mit Luther Briefwechsel pflegte. Sie brannte 1555 mit der ganzen Stadt ab, wurde aber unter dem Patronat des von Jörgen umgehend wieder aufgebaut und galt daher nun als eindeutig protestantisches Gotteshaus.

   Im Gefolge der Gegenreformation wurde diese Auraser Kirche unter Habsburger Herrschaft am 20. Dezember 1653, ein halbes Jahrzehnt nachdem der dreißigjährige Krieg mit dem Westfälischen Frieden von 1648 geendet hatte, rekatholisiert, das heißt gewaltsam den Katholiken übergeben. Die evangelischen Bewohner, die die Mehrheit in der Stadt bildeten, leisteten unter Leitung der damaligen Schlossbesitzerin Susanne von Saurma zunächst hinhaltenden Widerstand. Daraufhin schickte das Breslauer Oberamtskollegiums mit einer Kommission 200 Soldaten. Erst unter dem massiven Druck des Militärs und angesichts der Gefahr um Leib und Leben gaben die Auraser Evangelischen den Widerstand auf und übergaben in der Weihnachtszeit 1653 die Kirche samt allen Einrichtungsgegenständen dem mitgebrachten katholischen Pfarrer. Die Rekatholisierung der Kirche war verbunden mit der Vertreibung der beiden evangelischen Geistlichen aus der Stadt.

    Die nun wieder katholische Kirche von Auras wurde zwischen 1750 und 1789, also schon unter preußischer Herrschaft und sicher mit staatlicher Unterstützung, im Barockstil ausgebaut. Die Evangelischen des Städtchens aber blieben ohne eigene Kirche und Kirchspiel, ohne Pfarrer oder Diakon. Öffentlicher evangelischer Gottesdienst durfte nicht stattfinden. Die Auraser gingen daher nach Obernigk und Wilxen, später (nach der Altranstädter Konvention von 1707) auch nach Riemberg, wo noch evangelische Kirchen bestanden bzw. wieder zugelassen waren.

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   Erst nach dem ersten Schlesischen Krieg Preußens gegen Österreich (1840-1842), der Schlesien unter preußische Herrschaft brachte, änderte sich ihre Situation. König Friedrich II., der Große, gestattete schon im Juni 1742 den Protestanten in Schlesien, eigene Gotteshäuser zu errichten. Eine Rückgabe der in der Gegenreformation den Evangelischen entrissenen Gotteshäuser stand für Friedrich II. aus politischen Gründen außer jeder Diskussion. Doch förderte er nachdrücklich den Bau neuer, durchweg bescheidener evangelischer Gotteshäuser, von sogenannten Bethäusern. Bereits am 21. März 1742 erlaubte der preußische König auf inständigste Bitte der Auraser evangelischen Bürgerschaft, in Auras ein evangelisches Bethaus „aufzurichten.“ Auch erhielt die Stadt mit dem aus Breslau stammenden Gottfried Hönike wieder einen eigenen Pastor. Bereits am 1. Juli 1742 hatte in einer Juchtenfabrik wieder der erste evangelische Gottesdienst stattgefunden. Am Jahresende 1742 stand das neue Bethaus; es war an der südlichen Seite des Rings (in dem Gebiet, in dem später die evangelische Kirche stand) zusammen mit einem Predigerhaus errichtet worden. Am 1. Advent war Kirchweih. Das Auraser Bethaus war ein schlichter, aber keineswegs ärmlicher, sondern eher recht ansehnlicher rechteckiger Fachwerkbau mit drei Stockwerken; es besaß also nicht nur eine Empore, sondern auch noch ein mit Fenstern versehenes Dachgeschoss. Das Walmdach krönte ein kleines Türmchen, in dem  sogar eine Turmuhr angebracht war. Wie allen anderen schlesischen Bethäusern fehlte auch in Auras jedoch ein Glockenturm. Daher war durch eine königliche Konzession festgelegt worden, dass die katholische Kirche ihr Geläut auch den Evangelischen zur Verfügung stellen muss. Die Gemeinde musste dafür 30 Taler pro Jahr zahlen.

 

Aus: Friedrich Bernhard Werner: Schlesische Bethäuser, V/1: Auras

   Das Bethaus blieb bis 1894, also 192 Jahre lang, die Heimstatt der Evangelischen in der Stadt Auras und auch für die umliegenden Gemeinden links und rechts der Oder. Das Fehlen eines Glockenturms und mithin eines eigenen Geläuts wurde zum Anlass, mehr als ein Jahrhundert nach der Errichtung des Bethauses, am Ende der 1860er Jahre, energisch des Bau zunächst nur eines Turms, dann aber einer festen Kirche mit einem Glockenturm zu fordern. Im Herbst 1867 hatte die katholische Kirche sich nämlich geweigert, anlässlich des Gustav-Adolf-Festes zu läuten. Nun wollte die Gemeinde mit Macht wieder ganz unabhängig werden. Ein Kirchenneubau war umso mehr notwendig geworden, da das alte Bethaus unter den wiederholten Hochwassern derart gelitten hatte, dass es in der Mitte der 1880er Jahre abgerissen werden musste. Dennoch verging rund ein Vierteljahrhundert, bis die finanziellen Voraussetzungen dafür gegeben waren. Weder die Gemeinde, die zu arm war, noch die Patrone Stadt und Schlossbesitzer), die, selbst keineswegs wohlhabend, immer wieder hinhielten, noch die wiederholten Zuschüsse durch die Kirchenleitungen in Breslau und Berlin vermochten die Mittel aufzubringen. Erst ein von der Gemeinde aufgenommenes Darlehen und ein daraufhin übergebenes „Allerhöchstes Gnadengeschenk“ des deutschen Kaisers von rund 11.000 Mark zu Beginn der 1890er Jahre brachten die für den Bau einer schlichten Kirche notwendigen 60.000 Mark zusammen. Gebaut wurde die Kirche dann binnen einem Jahr von Mitte 1893 bis Mitte 1894.

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   Die festliche Einweihung der neuen Kirche wurde zu einem  bedeutenden Ereignis für die schlesische Kleinstadt und die ganze sechs Orte umfassende Kirchengemeinde. Alle „während der Vorbereitung und Ausführung des Baus vorgekommenen Verstimmungen“, die es in der Gemeinde gegeben hatte, womit vor allem die leidigen finanziellen Probleme gemeint waren, waren - laut dem Bericht  des Breslauer Konsistorium - nun vergessen. „Die kleine Stadt war in allen ihren Straßen mit dicht aufeinander folgenden Ehrenpforten, die alle aus der heiligen Schrift entnommene Worte an ihrer Stirn trugen und an allen ihren Häusern mit Tannengrün und Fichtenzweigen geschmückt. Letzteres war auch mit dem neuen Gotteshause von außen und innen der Fall, welches zwar wegen der Lage des Grundes und Bodens, auf dem es aufgeführt werden musste, nicht in der üblichen Weise ‚orientiert’ ist, aber einen schönen, würdigen Anblick darbietet.“ Die Kirche konnte also nicht in der gewöhnlichen Ost-West-Richtung errichtet werden, sondern stand von Nord nach Süd, quer zu der unweit auf dem gleichen Ring in Ost-West-Richtung gebauten katholischen  Kirche.

   Der Altarraum lag nach Süden, zur Oder hin. Die neue Kirche war ein bescheidener Backsteinbau im Rundbogenstil; sie hatte an jeder Längsseite zwei Reihen von Fenstern, in Höhe der Empore die größeren, im unteren Teil kleinere. Das dreiteilige Glasfensterbild hinter dem Altar, das „den Herrn auf dem Berg der Verklärung, Moses und Elias zu beiden Seiten darstellt“, hatte der Breslauer Stadtrat Freyer, Besitzer des zur Parochie Auras gehörenden Ritterguts Brandschütz, geschenkt. Die Orgel war das Werk eines Orgelbauers aus Guhrau, deren „schönen, elastischen, milden Klang“ dank einer guten Akustik „unter der ansprechend ausgeführten Holzdecke“ ebenso wie die Predigt gut zu hören und zu verstehen war. Im Kirchturm läuteten Glocken, von denen eine im ersten Weltkrieg beschlagnahmt wurde.

 

   Die neu erbaute Kirche diente der Auraser Kirchengemeinde, zu der seit 1882 die Protestanten von Liebenau, Hennigsdorf, Kottwitz und des auf der linken Oderseite liegenden Brandschütz gehörten und die rund zweieinhalb tausend Mitglieder zählte, ein halbes Jahrhundert für ihre Gottesdienste. Fünf Pastoren leiteten in dieser Zeit die Geschicke der Gemeinde und hielten ihre Predigten in der neu erbauten Kirche. Heinrich Gustav Bischoff (1823-1914) übte das Auraser Pfarramt nahezu ein halbes Jahrhundert (von 1857 bis 1906) aus. Er  hat, wie die Kirchengemeindeakten des Konsistoriums ausweisen, die schwierigen und langwierigen Präliminarien des Baus der Kirche ebenso energisch wie erfolgreich begleitet und deren Einweihung mit gestaltet. Ihm folgten von 1906-1909 Karl Gustav August Urbain (geb. 1870) und von 1909 bis 1917 Karl Rudolf Walter Groß (1882-1947). Paul Störmer (1888-1964) nahm das Auraser Pfarramt von 1917 bis 1927 wahr. Der letzte Pastor von Auras war Johannes Halm (1893-1953). Er führte die Gemeinde von 1928 bis 1945, war als Mitglied der Bekennenden Kirche in den Jahren der Nazidiktatur wiederholten Repressionen und Verhaftungen ausgesetzt und wurde nach der Flucht von 1946 bis zu seinem Tode Pfarrer im sachsen-anhaltinischen Klein-Rodensleben. In den Jahren 1945 bis 1947, als eine Kirchengemeinde Auras nicht mehr bestand, betreute Oskar Jaeckel (1915-1985) die wenigen noch verbliebenen Evangelischen in Auras und Riemberg.

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   Anlässlich des 50. Jahrestags des Auraser evangelischen Gotteshauses beschloss der Gemeindekirchenrat im November 1944 auf Vorschlag von Pastor Johannes Halm, dieses Ereignis durch einen feierlichen Gottesdienst am ersten Advent, dem 3. Dezember, zu begehen. Man lebte da bereits im fünften Kriegsjahr und die Ostfront kam Schlesien immer näher. Die Rote Armee hatte Ende 1944 in Ostpreußen bereits die Reichsgrenze überschritten und stand vor Warschau. Das Konsistorium versicherte seine herzliche Anteilnahme, sandte eine Glückwunschadresse und übermittelte seine Segenswünsche. Die Kirche möge der Gemeinde „in den Stürmen und Gefahren dieser Zeit“ eine Stätte der Anbetung bleiben; es mögen „von ihr auch fernerhin von Geschlecht zu Geschlecht Ströme der Kraft und Freude, des Trostes und Friedens ausgehen in die Herzen und in die Häuser der Gemeinde“. Ein Bericht über den Festgottesdienst liegt nicht vor. Doch bedankte sich der Auraser Kirchenrat beim Konsistorium für die Glück- und Segenswünsche anlässlich des Kirchenjubiläums:

„Gott gebe, dass solche besondere Tage wie helle Sterne in dunkler Nacht unsere christliche Gemeinde geleiten mögen durch die ernste schwere Zeit.“ In den nachdenklichen Worten zum Kirchenjubiläum war schon das Bewusst werden deutlich zu spüren, dass der Gemeinde und ihrem kirchlichen Zentrum mit dem weiteren Kriegsgeschehen schwere Zeiten bevorstehen würden.

   Sechs Wochen nach der Erinnerungsfeier erreichte der von Deutschland im September 1939 vom Zaune gebrochene Zweite Weltkrieg das Oderstädtchen. Mit dem Vormarsch der Roten Armee im Rahmen der sowjetischen Weichsel-Oder-Offensive wurde Auras Ende Januar 1945 Frontgebiet. Die Kriegsfurie trieb die Gemeinde in die Flucht und führte zur Zerstörung der gerade 50 Jahre alt gewordenen Kirche. Während das Auraser Schloss, dessen Dachgeschoss einen klaren Blick über die Oder hinweg gestattete und in der Tat von der Roten Armee als Schafschützenstand genutzt wurde, von der deutschen Wehrmacht unversehrt gelassen wurde, wurden die beiden Kirchen der Stadt Auras der Vernichtung preisgegeben. Am 26. Januar 1945 wurden sowohl die  katholische Kirche als auch das evangelische Gotteshaus von SS-Einheiten gleichzeitig in Brand gesteckt. Man wollte damit offenbar verhindern, dass ihre Türme von der Roten Armee nach der Eroberung der Stadt als Beobachtungsstellen genutzt werden. Beide Kirchen brannten bis auf die Mauern nieder.

Die katholische Kirche des hl. Erzengels Michael ist im nun polnischen Uraz zwischen 1951 und 1953 wieder aufgebaut worden. Sie war als Ruine schon seit 1946 unter einem polnischen Pfarrer in den Sommermonaten wieder für Gottesdienste genutzt worden. 1970 wurde ihr Interieur polychromatisch (vielfarbig) ausgestaltet. Der Altar erhielt wieder ein Gemälde des kämpfenden Erzengels, nun umgeben von einem beeindruckenden, recht wuchtigen Holzkunstwerk, das mit den Spitzen nahezu bis zur Decke reicht. Die Kanzel, die den Altarraum wieder abschloss, rückte von der rechten auf die linke Seite. Nach dem Jahrhundert-Hochwasser von Sommer 1997, das die Kirche 40 cm hoch überflutete, wurde das Gotteshaus bis 2000 in alter Pracht wieder renoviert.

Von der evangelischen Kirche existiert heute jedoch nicht einmal die Ruine mehr. Der Platz, auf dem sie stand, ist leer. Die Gemäuer der Ruine wurden vollends abgerissen. Ihre Ziegeln sollen, so geht das Gerücht, nach Warschau gebracht und für den Wiederaufbau der von der deutschen Wehrmacht völlig zerstörten polnischen Hauptstadt eingesetzt worden sein.

 

Quellen:

Archiwum Państwowe w Wrocławiu, Śląski Konsistorz Ewangelicki, Dział II, Nr. 6984: Angelegenheiten der evangelischen Kirche in Auras, Diözese Wohlau, Vol. I (1830-1920) und Vol. II (1920-1944); Evangelisches Zentralarchiv in Berlin, Bestand 7 Nr. 14270: Die evangelischen Kirchen- und Pfarr-Angelegenheiten in der Stadt Auras; Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. HA Rep. 89, Nr. 21941: Die Gewährung von Beihülfen seitens des Staates zu Kirchen-, Pfarrhaus- und Schulhausbauten (1888-1892); Centralblatt der Bauverwaltung, 29.8.1894, S. 364: Die evangelische Kirche in Auras in Schlesien; Silesia sacra. Historisch-statistisches Handbuch über das evangelische Schlesien. Hrsg. vom Evangelischen Pfarrerverein der Provinz Schlesien, Görlitz 1927; Alfred Wiesenhütter: Der evangelische Kirchbau Schlesiens von der Reformation bis zur Gegenwart, Düsseldorf 1954; Stadt Auras, 4. Heft. Hg. von Pfarrer Richard Hoppe, Wiesbaden 1977; Friedrich Bernhard Werner: Schlesische Bethäuser. Reprint der Ausgabe von 1748-1752. Hrsg. von der Gemeinschaft evangelischer Schlesier (Hilfskomitee) e.V. Bearbeitet von Pfarrer Mag. Dietmar Neß, Hildesheim 1989; Pfarrerliste für Auras, deren noch unveröffentlichtes Manuskript Pastor Neß in dankenswerterweise zur Verfügung stellte; Pl.Wikipedia.org/wiki/:Kościół.pw.św.Michała_Archanioła_w_Urazie, 25.6.2014.

Veröffentlicht auch in:
Wohlau-Steinauer Heimatblatt, Nr. 11/2014, S. 15-16; Nr. 12/2014, S. 15-16; Nr. 2/2015, S. 16.





 

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