Eine Frau erzählt ihr Schicksal

Dies ist eine kostenlose Homepage erstellt mit hPage.com.

Eine Frau erzählt ihr Schicksal

Der Weg von der alten Heimat, in die neue Heimat.

 

Die Front kam immer näher. Russische Panzer schossen schon auf unsere Heimatstadt Auras an der Oder. Ein Geschoss traf unser Haus. Es blieb zum Glück in der Wand der Küche stecken. Nur der Putz kam geflogen. So verließen wir am Morgen des 21. Januar 1945 unser Haus in Auras Gärtnerweg 42.

Anmerkung:

Der 21. Januar 1945 war ein Sonntag, die Russen hatten nachts die Dyhernfurterstraße erobert. Vom Gasthaus Neugebauer, Wohlauer-Ecke Fährstraße war in der Nacht der Große Saal abgebrannt. Die Soldaten in der Schiffswerft hatten sich bei dem Kampf um die Dyhernfurterstraße nachts über die Oder zurückgezogen, von wo sie bei Tage aus den Bunkern auf alles schossen was sich bewegte (Augenzeuge Alfred Zahlten). Am 23.Januar 1945 waren die Russen in Dyhernfurth, so die Aufzeichnungen im Tagebuch aus dem Kloster Sankt-Hedwigsruh Dyhernfurth die mir als Kopie vorliegen.

 

Spuren der Geschosssplitter vom Januar 1945, am Haus im Gärtnerweg 42. Foto von 2006

Es war ein sehr kalter Wintertag. An der Fähre, wir mussten über die Oder, wurden wir von einem Leutnant der Wehrmacht mit den Worten: ...“Euch müsste man gleich die Fähre unter dem Arsch wegschließen!“... empfangen. Für mich war das ein Schock. Als älteste von drei Geschwistern, ich war knapp 12, hatte ich schon viel Verantwortung zu tragen. Unser Vater war schon 1943 gefallen.

Zu Fuß mit einem Handwagen, in welchen die kleinen Geschwister saßen, mit Federbetten zugedeckt, und einem Schlitten mit Handgepäck in dem die nötigsten Sachen waren, ging es über verschneite Landstraßen vorbei an gefrorenen Leichen und toten Pferden. Übernachtet wurde in Scheunen.

So ging es bis nach Kauffungen an der Katzbach (Wojcieszow). Dort war eine Pause von zwei Tagen, welche wir auf dem Bahnhof verbrachten, bis uns ein deutscher Militärzug bis Trautenau (Trutnov) mitnahm. In dem Zug, welcher Autos und Munition transportierte, war es schön warm. Das habe ich bis heute in Erinnerung.

Von Trautenau ging es über Landshut, in Viehwaggons weiter in die Tschechei nach Holeischen (Holysov) bei Pilsen. Unterwegs mussten wir oft aus dem Zug, da wir laufend von Tieffliegern beschossen wurden. In Holeischen bekamen wir nach vier Wochen Barackenleben zwei Dachstuben zugewiesen (mit Wanzen in den Betten). Da wir nachts mehr im Bunker waren als in den Betten haben wir das auch überstanden.

Eines Tages war vormittags Alarm. (Ich musste immer mit einer Tasche und meiner Schwester an der Hand in den Bunker laufen. Unsere Mutter hatte unseren Bruder an der Hand.) Ein Tiefflieger kam direkt auf uns zu. Zum Glück schafften wir es bis in den Bunkergang. Er schoss auf uns, traf aber nur die Tür, welche der Luftschutzwart zugeworfen hatte.

Einmal hatten sie drei Munitionswaggons beschossen, die in die Luft flogen. Es gab viele Tote und Verletzte, und jedes Haus das noch stand hatte eine Beschädigung. Die letzten Tage, bevor die Amerikaner einmarschierten, verbrachten wir gleich im Bunker. Nach dem Einmarsch der Amerikaner mussten alle Deutschen auf Befehl die Wohnungen verlassen und in Baracken ziehen. Einen großen weißen Knopf mit einem Hakenkreuz darauf mussten wir ab nun, auf den Jacken tragen.

Ich hatte immer Angst wenn ich die Milchzuteilung abholen ging, dass mich die Tschechenkinder verprügeln würden. So habe ich das Zeichen versteckt und kein Wort gesprochen. Später wurden wir gezwungen gelbe oder weiße Armbinden zu tragen.

Bis Anfang September 1945 waren wir in den Baracken in Holeischen. Dann kam ein Aufruf. Alle Schlesier sollten sich sofort auf dem Bahnhof melden, es geht ein Transport nach Schlesien. Drei Tage haben wir auf dem Bahnhof zugebracht. Unsere Mutter war sehr krank, sie konnte kaum laufen. Zwei andere Flüchtlingsfrauen halfen ihr.

Es ging aber nicht nach Schlesien, sondern weiter in das Landesinnere der Tschechei. Es ging nach Pelhrimov bei Tabor. Hier wurden wir ausgeladen und wie Vieh vermarktet. Arbeitsfähige nahmen sich die Bauern mit. Alle Anderen kamen ins Lager (Holzbaracken und hoher Zaun mit Stacheldraht). Es war bestimmt früher ein Lager der SS. Unsere Mutter kam erst mal ins Krankenhaus, wo sie drei Wochen blieb. Ich war mit meinen Geschwistern allein. Vom Feld, aus einem Strohhaufen, durften wir uns zwei Strohsäcke stopfen. Für ein zwölfjähriges Mädchen ganz schön anstrengend. Das Stroh war nass aber wir waren froh, dass wir nicht auf den blanken Brettern Schlafen mussten.

Das Lagerleben war jeden Tag gleich. Die Kinder mussten im Lager bleiben, die Mütter mussten arbeiten gehen. Früh wurden sie von den Posten raus gebracht und abends wieder rein. Essen war jeden Tag dasselbe. Früh zwei Scheiben Brot, Marmelade und „Kaffee“, Mittag Kartoffelsuppe, abends zwei Scheiben Brot, Margarine und „Kaffee“. Und das ein ganzes Jahr lang. Als das Frühjahr kam haben wir uns kleine Brennnesseln gesucht und an die Suppe geschnitten.

Nach der Genesung unserer Mutter wurde sie auch gezwungen bei den Bauern zu arbeiten. Da sie aber sehr geschickt im Nähen war, hatte sie Glück und musste nicht so schwer arbeiten. Manche Bauersfrauen gaben ihr dann auch mal etwas Grieß und Mehl mit. So wurde aus dem Kaffee Pudding gemacht. Schmeckte fürchterlich aber war mal was anderes. Im Winter war es sehr kalt. Unsere beiden Federbetten haben uns über den Winter geholfen. Die meisten hatten ja nur Decken. Viele alte Leute starben. Auch eine Mutter von acht Kindern. Sie stillte noch ein Mädchen von zwei Jahren. Als sie an Typus erkrankte hatte ihr Körper keine Kraft mehr.

Im August 1946 gingen dann die Transporte Richtung Deutschland los. Über Bad Brambach fuhren wir im Viehwaggon nach Deutschland. Entlang der Grenze lagen tausende von weißen und gelben Armbinden, die wir Flüchtlinge wegwarfen. Wir kamen in die damalige sowjetische Besatzungszone nach Annaburg. Vierzehn Tage Quarantäne und Entlausung, dann wurden wir auf die einzelnen Kreise aufgeteilt. Und so kamen wir nach Mühlberg an der Elbe.

Unsere erste Nacht in der neuen Heimat verbrachten wir im Gasthof „Hamburger Hof“ und das erste Mittagessen war Erbsensuppe. Das war ein Festessen. Danach wurden uns zwei kleine Zimmer zugeteilt, mit einem alten Herd und zwei Bettgestellen. Ich musste mit meiner Schwester in einem Bett schlafen. Nie wieder wollten wir Kartoffelsuppe essen doch unser erstes selbst gekochtes Essen war Kartoffelsuppe. Wir hatten ja nur einen Kochtopf. Langsam fasten wir Fuß, obwohl die Einheimischen von Flüchtlingen nichts wissen wollten. Unsere Mutter ging in ein Sägewerk arbeiten. Unser Bruder, der noch nicht in die Schule ging (Kindergarten gab es keinen) wurde eingeschlossen, bis ich aus der Schule kam. Er hatte manchmal ganz schöne Dummheiten gemacht.

Nach meinem Schulabschluss konnte ich mir meinen Wunschtraum erfüllen, ich bekam eine Lehrstelle als Verkäuferin. Eine Arbeitskollegin der Mutter hatte sie vermittelt. So wurde man immer heimischer. Aber wenn das Frühjahr kam hatte ich schreckliche Sehnsucht nach der alten Heimat, vor allem nach der Oder. Obwohl wir jetzt genau so nahe an der Elbe wohnten wie früher an der Oder. Es war trotzdem anders. Schon die ganze Pflanzenwelt.

Als ich dann meinen Mann kennen lernte und 1953 heirateten, uns selbst ein Heim aufbauten, unsere Kinder geboren wurden, da wurde diese zweite Heimat zur neuen Heimat.

Im Jahr 1975 fuhr ich mit meinem Mann in die alte Heimat, doch es war nichts mehr so wie in der Erinnerung. Alles war irgendwie kleiner geworden und anders. Es war wohl auch weil man selber gewachsen war.

 

 

1945 hieß es, nehmt nicht viel mit in einer Woche seid ihr wieder zu Hause. Aus der einen Woche waren fünfzig Jahre geworden. Und heute ist man schon im Rentenalter und denkt über alles in Ruhe nach, und stellt fest, dass die neue Heimat eigentlich die richtige Heimat ist. Damals war man noch ein Kind und das Erwachsen werden hat sich in der neuen Heimat abgespielt. Sie ist wohl die eigentliche Heimat.

So hoffe ich, noch viele gesunde und glückliche Jahre mit meinem Mann, den Kindern und Enkelkindern verbringen zu können.

Tante Inge verbrachte noch siebzehn Jahre mit ihren Lieben. Die Erlebnisse der Flucht erzählte sie 1995 ihrer Enkelin Carolin, die sie aufschrieb. Bei der kleinen Schwester in der Erzählung handelt es sich um meine Mutter und der kleine Bruder ist mein Onkel.

2013 fuhr ich mit meiner Mutter in die alte Heimat nach Auras, heute Uraz. Reisebericht folgt.

P. Busch

Den Reisebericht werden sie nach Fertigstellung im Ordner Reiseberichte finden.

 

 

Der lange Weg von der alten Heimat, in die neue Heimat:  

(Grundmaterial des Landkartenausschnittes von: lib.utexas.edu/maps)

 

Ein Ausschnitt von Auras, Quelle: Google Maps

 

 

          Ein Foto von unserem Haus Gärtnerweg 42, aus dem Jahre 1969

 

 

 

 

Nach oben

Dies ist eine kostenlose Homepage erstellt mit hPage.com.