13_Jahre_danach...

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13 Jahre danach

Adelheid v. Rekowski, 1958

Dreizehn Jahre danach ging endlich der schon lange gehegte Wunsch in Erfüllung, als „Tourist“ nach Niederschlesien zu fahren, zurück sozusagen in das Land meiner Väter.

13 Jahre nach unserer abenteuerlichen Flucht aus dem Kreis Neumarkt mit einem mit  2 Ochsen bespannten Jagdwagen auf vereister Landstraße bei 25 Grad Kälte...

Auf dem Wagen mein kranker Vater, eine alte Tante und ein die Situation richtig erkennender und laut heulender Kurzhaardackel. Uns blieb zum Weinen zum Glück damals keine Zeit, unsere Gedanken waren nur nach vorwärts, nach dem Westen gerichtet. So wurden wir in letzter Minute gerettet und es blieb uns das unsägliche Leid erspart, das die zurückbleibenden und zurückkehrenden Deutschen in den Ostgebieten traf.

Wie oft sind seitdem unsere Gedanken zurückgewandert. Wir, die wir so verbunden waren mit dem Land, dass uns das Heimweh all die Jahre nie ganz losgelassen hat. Das gilt aber für alle auf dem Lande beheimateten Menschen in ganz besonderem Maße!

Und nun war es soweit. Im Hochsommer ging meine Reise dahin zurück. Und siehe da, das Land hatte nichts von seinem Reiz verloren. Die Hochwälder standen noch an der alten Stelle. Die Schonungen waren herangewachsen. Die tellerflache Eben des Kreises Wohlau und Neumarkt, wo man so weit ins Land sehen kann, die schönen Kiefernwälder mit ihrem unvergleichlichem Aroma, überall die zu dieser Zeit betäubend duftend alten Linden, die alten Landstraßen und Alleen, die Oderniederung mit den vielen Eichen, die große Stille, meilenweit keine Menschen, kein Fahrzeug zu sehen, das alles ist geblieben und triumphiert über alle Zerstörung, die der Mensch angerichtet hat. Die Natur wuchert ungemein üppig.

Die Blumen auf den versumpften Wiesen hatten leuchtende Farben und es waren in großer Zahl die weißen Störche zu sehen. Ja sogar die Kiebitze, die lustigen, so selten gewordenen Gesellen, tummelten sich eifrig.

Aber der Reihe nach:

Es waren wochenlange Vorbereitungen gewesen – und wie kurz sind dann die 16 Tage gewesen! Ich habe schließlich noch schnell das Fotografieren lernen müssen. Von Hannover fuhr dann endlich die Reisegesellschaft mit etwa 150 Menschen ab. Die meisten wollten nach Oberschlesien zu ihren nächsten Angehörigen, einige sogar nach Danzig, nach Marienburg und noch weiter. Wir waren in unserem Abteil eine verschworene Gesellschaft. Ein Mann mir gegenüber half mir mit Nasentropfen gegen den vor Aufregung mich quälenden entsetzlichen Schnupfen. Ein Witzbold half uns mit seinen Scherzen im schönsten Schlesisch über die sich endlos dehnenden Stunden und über die von uns auf alle Fälle gefürchtete Zollkontrolle hinweg. Unsere Pässe wurden wohl ein Dutzend mal kontrolliert. Zum Schluss waren sie schon ganz abgegriffen. Man sollte sie in Zelluloid einbinden, wenn man in den Osten fährt... Unsere Ostzone war darin besonders eifrig.

Dank der Liebenswürdigkeit unseres jungen Reiseleiters schienen die vielen Kontrolleure auch uns wohlgesinnt zu sein. Denn als wir in Görlitz mit 2-stündiger Verspätung einliefen, bekam ich sogar die Erlaubnis auszusteigen, um den alten Inspektor vom Gut meiner Mutter aus Groß-Sürchen zu begrüßen, der sich verabredungsgemäß dort eingefunden hatte. 13 Jahre hatte ich ihn nicht gesehen.

Er war schmal geworden, aber seine 70 Jahre sah man ihm nicht an. So durften wir uns unterhalten, während in Hörweite ein Volkspolizist – ein blutjunges Bürschchen – mit Telleraugen stand, was mich ungemein irritierte. Die anderen Angehörigen unserer Reisenden mussten dagegen noch warten, bis ihnen die Genehmigung, an den Zug zu gehen, erteilt wurde. Sie konnten sich nicht einmal an einem daneben stehenden Häuschen unterstellen, denn es schüttete während unseres ganzen Aufenthaltes wie mit Kannen vom Himmel, und bald stand mir, trotz Unterstellen, buchstäblich das Wasser in den Schuhen. Als wir dann abfuhren, sah ich, wie sich unser Herr Schwarz bei den Bahnpolizisten für ihr Entgegenkommen bedankte. Ach, wie traurig ist es doch um Deutschland bestellt!

Vor Leipzig hatten mir noch Gleisarbeiterinnen großen Eindruck gemacht, die mürrisch im Regen irgendetwas schippten und in ihren grauen Hosen und sonstiger grauer Kleidung einfach unbeschreiblich wirkten. Ich mag nun einmal keine Frauen in Uniform und so gefielen mir auch die vielen weiblichen Bahnvorsteherinnen, Schrankenwärterinnen und Kontrolleurinnen nicht. Vielleicht lag die katastrophale Wirkung auch an den Hosen und den meistens verbrannten Dauerwellenköpfen.

Endlich hatten wir alle Kontrollen hinter uns und ich stürzte an das Fenster: Schlesien! Kohlfurt! Die Station lag friedlich in dem nun aufkommenden Sonnenschein. Sogar einige aufgehängte Blumenkästen verschönten den Bahnsteig.

Ich sah mich wieder Ende Januar 1945 in eisiger Kälte eine Nacht lang mit einem Mann bei dem gemeinsamen Gepäck ablösen, alle 5 Minuten. Die Kälte wollte mich damals schier auffressen, denn ich hatte meinen Mantel zurückgelassen, um besser Gepäck tragen zu können. Am nächsten Morgen ging es damals mit Viehwagen nach Berlin.

Die Orte, die nun kamen, trugen natürlich alle polnische Namen, und wir überlegten krampfhaft, welcher Ort es wohl sein könnte. Leider war keine deutsche Karte vorhanden. Unverkennbar waren Maltsch und Liegnitz. Auf Liegnitz hatte ich gespannt gewartet. Vier Jahre hatten wir dort gewohnt. Was für eine bezaubernde Stadt war Liegnitz gewesen (sie ist heute eine der schmutzigsten und verkommensten Orte der Umgebung).

Wieder taucht der Januar 1945 in der Erinnerung auf. Hier war ich von den Eltern damals getrennt worden. In Liegnitz wurde unser Zug gestürmt von vielen hundert verzweifelten Menschen, Kohlefeuer brannten auf dem Bahnsteig. Vor dem Bahnhofsgebäude saßen noch nachts um 11 Uhr bei eisiger Kälte und Schneetreiben Menschenmassen auf Koffern und Schlitten. Als ich wenige Tage später Liegnitz mit einem der letzten Züge verließ und wir unaufhaltsam aus der Station rollten, war mir jämmerlich zumute, damals schon in dem Gedanken, dass es ein endgültiges Abschiednehmen war.

Und heute, 1958, liefen wir wieder ein und unser Zug hatte einige Minuten Aufenthalt. Ein paar östlich anmutende Gestalten bevölkerten den Bahnsteig und eine Frau fegte herumliegendes Papier auf, eine andere stocherte mit einer Ölkanne im Räderwerk unseres Wagens herum. Wie gern wäre ich wenigstens für eine Stunde ausgestiegen! Aber es ging weiter. Für mich wieder spannend, denn nach einer kleine Weile kam das Städtchen Neumarkt in Sicht. Dort war zuletzt mein Arbeitsplatz in einem Lazarett gewesen. Wieder verrenke ich mir den Hals und ließ mir die schlesische Luft in den Ruß aus der Lokomotive um die Nase wehen.

Wir hielten in Neumarkt tatsächlich an. Nach vorhergehenden Regenschauern tat nun die Sonne ihr Möglichstes, allem ein bisschen Glanz zu geben. Da waren die Alleen und die lange Chaussee, die zum Städtchen führt, nur allzu bekannt. Alles schien nur ein wenig kleiner. Ein Gebäude gegenüber dem Bahnhof lag in Trümmern – wie man überhaupt zu beiden Seiten der Bahn immer wieder zerstörte Häuser und unbebaute und überschwemmte Felder sah. Irgendwo an der Strecke ragte einsam ein Fabrikschornstein aus dem Gelände empor, der wohl beim Abtragen der dort vorhandenen Fabrik übriggeblieben worden war.

Sonst schien bei flüchtiger Betrachtung die Station Neumarkt sich in nichts verändert zu haben. Weiter ging’s. Da kam Nimkau. Dort hatten wir den Ochsenwagen und die Fahrräder stehengelassen, weil wir das große Glück hatten, einen Zug nach Berlin zu erreichen. Dann gut erkennbar Deutsch-Lissa, und bald Breslau, noch grauenhaft zerstört. Schon vom Zuge aus waren ganze Häuserblocks zu sehen, die mit öden Fensterhöhlen trostlos aussahen.

Hauptbahnhof Breslau. 

Ein Menschengewimmel und großes Getümmel. Dann ruft mich an der altvertrauten Sperre jemand an, ich erkenne das Gesicht sofort: Meine Gastgeberin aus Kniegnitz.

Unsere „Superkoffer“ wurden von Gepäckträgern in den Bus verfrachtet. Ich fuhr mit einer „Taxufka“. So kamen wir zum Hotel Monopol, einstmal eines der besten Breslaus, heute einigermaßen, d.h. für dortige Verhältnisse sehr gut wieder instandgesetzt. Es wartete dort an hübsch gedeckten Tischen ein opulentes Abendbrot, welches die wenigsten von uns ganz verspeisen konnten, waren wir doch alle recht erschöpft. In Breslau stellten wir unsere Uhren eine Stunde vor, denn in Schlesien hatten sie die „Sommerzeit“.

So war es nicht 1⁄2 7, sondern 1⁄2 8 Uhr abends, als wir mit beinahe zwei Stunden Verspätung ankamen. Jeder bekam sogar noch eine Flasche Bier. Dass die Papierservietten in lauter kleine Viertel geteilt waren und an den Suppentassen ab und zu ein Henkelchen fehlte, nein, es störte wirklich nicht. Auch als es bei den Erdbeeren mit Ersatzschlagsahne ein bisschen mit den Löffeln haperte – die Kellner gaben sich wirklich die größte Mühe.

Wir bekamen nach dem Essen die vorher eingezogenen Pässe zurück und in den oberen Räumen vom Monopol bekamen wir polnisches Geld in Gestalt von Sloty (Schlottreis, wie sie die um Humor nie verlegenen Schlesier nennen). Zu allem Überfluss ließ ich meine Kostümjacke überm Stuhl hängen. Dies wurde wenige Tage vor der Abreise von mir erst bemerkt und ich nahm sie am Tage der Abfahrt glücklicherweise trotz düsterer Prognosen seitens meiner Gastgeber wieder in Empfang. Abends erst gegen 11 Uhr ging noch ein Zug nach Kniegnitz. Die Reisenden, die nicht mehr weiterkamen, konnten im Monopol oder im Hotel du Grand (früher Nord-Hotel) übernachten.

Wir fuhren wieder mit einer Taxufka zum Hauptbahnhof. Dort herrschte zu meinem Erstaunen auch um diese Zeit ein großes Gedränge. Da ich ja kein Polnisch verstand, wies mich Frau W. auf eine wenig schöne Szene hin, die sich in unserer Nähe abspielte: ein betrunkener älterer Mann wurde, da er der Aufforderung eines Milizmannes, den Bahnhof zu verlassen, nicht nachkam, mit einer Art Gummiknüppel oder Peitsche aus dem Bahnhofsgebäude geprügelt. Es bildete sich eine Menschengasse und Mann und Milizmann stoben dem Ausgang zu. Der gute, alte Hauptbahnhof, grau und staubig und durch die ewigen Menschenmassen jetzt recht unerträglich geworden, ist aber im Wesentlichen unverändert geblieben. Ich tat schnell einen Blick in die Restauration, wo früher Herr Wehe mit dem weißen Spitzbart sein Regiment führte.

Der Zug, in den wir stiegen, war ausnahmsweise mäßig besetzt. Die meisten Reisenden schliefen in den unmöglichsten Stellungen. Etwa 1⁄2 12 Uhr Ankunft in Kniegnitz. Herr Wieczorek holte uns ab. Weiche, würzige Luft wehte mir entgegen und am Eingang des Dorfes dufteten die Linden.

Wie stellt sich heute Schlesien dar? Ich möchte gleich zu Anfang ein Loblied auf die zurückgebliebenen Deutschen singen, die sich dort durch all die Jahre unter größten Schwierigkeiten inmitten des sie umgebenden und sie verschlingen wollenden Chaos gehalten haben. Wie eine kleine Oase waren in den Dörfern und Kleinstädten die Wohnbereiche der wenigen Deutschen, die noch anzutreffen waren. Wie einsam sie sind! Wie zerrissen sind die einzelnen Familien, wieviel tragische Einzelschicksale, wie unbeschreiblich schwer jedesmal die Trennung, wenn ein Teil schweren Herzens die Heimat verlässt, um nach Westen zu gehen. Wenn vielleicht die Tochter oder die Schwester für immer zurückbleiben müssen, weil sie sich – wer kann es ihnen verübeln – an einen polnischen Mann gebunden haben. Da steht man erschüttert als Besucher und sieht hier so recht deutlich, dass der Krieg für viele eigentlich noch immer nicht beendet ist, und die so schwer wiegenden Folgen der so unfassbaren gewaltsamen Umsiedlung von Menschen.

Alles ein Produkt des gegenseitigen Hasses der Völker: Angefangen bei Hitler, der von dem „jüdisch-bolschewistischen Untermenschentum“ sprach – mir noch deutlich in Erinnerung – und mit diesem Ausdruck alle Sklaven-Völker stempeln wollte, weiter zu der furchtbaren Rache nach der Besiegung der Deutschen Armeen über die Ostgebiete und ihre Bevölkerung, die wie eine schreckliche Apokalypse dahinraste, alles mit sich reißend und vernichtend, was in vielen 100 Jahren geschaffen worden war und den tausendfältigen Tod im Gefolge. Bis schließlich wieder vom Hass diktiert das Land aufgeteilt wurde, polnisches Gebiet zu Russland kam und Polen nach Ostpreußen, Westpreußen, Ostpommern, Ostbrandenburg, Nieder- und Oberschlesien umgesiedelt wurden, wo die Deutschen das Land verlassen mussten, bis auf wenige, die sich zu halten versuchten, indem sie optierten. Ein geradezu wahnsinniger politischer Beschluss, eine festverwurzelte Bevölkerung, die sich für das betroffene Land einsetzt und es seit Generationen liebte und pflegte, herauszureißen. Wie konnte so etwas nur zustande kommen?

Nicht nur Deutschland hat einen ungeheuren Verlust zu beklagen, sondern vielmehr auch Europa hat ein Gebiet verloren, in dem europäische Sitten und Gebräuche herrschten, welches durch Deutsche besiedelt und durch die Jahrhunderte in hohem Maße kultiviert worden ist, und das besonders landwirtschaftlich und forstwirtschaftlich eine große Bedeutung hatte. Was noch an Kulturschätzen oder wertvollen Gebäuden den Krieg überstanden hat, ist in den letzten Jahren völlig vernichtet worden. Die Struktur der heutigen deutschen Ostgebiete ist unorganisch und chaotisch. Die polnische Bevölkerung, abgesehen von Posen und Oberschlesien, wo eine polnisch-deutsche Bevölkerung zum größten Teil geblieben ist, ist nicht in der Lage, mit dieser Umgruppierung und Umstellung, zu der sie zwangsläufig gebracht wurde, fertig zu werden.

Aber zurück zu den Deutschen, den wenigen, die meistens auch schon aus verständlichen Gründen im Aufbruch sind... Da sind meine Gastgeber. Sie hatten bis 1945 die Bäckerei und einen Kolonialladen im Dorf. Heute ist auf dem verwaisten Schornstein der Bäckerei ein Storchennest, und der große Bäckerofen steht verstaubt. Um Brot zu kaufen, mussten in letzter Zeit die Leute über die Oder in ein kleines Landstädtchen fahren. Herr W. arbeitet, nachdem er durch Glück der Deportation nach Russland entgangen ist, in einer nahe gelegenen Fabrik als „Magaziner“. Sobald er von der Arbeit kommt, stürzt er sich in seine kleine Landwirtschaft, die nun zur Erhaltung des materiellen Bedarfes entstanden ist, und hilft seiner Frau. Da gibt es einen Esel, eine Kuh, Hühner, Gänse, Enten, zwei Schweine. Da sind 3 Kinder. Die älteste Tochter arbeitet in Breslau in einem Büro.

Sie möchte da bleiben und ist mit einem Polen verlobt. Dieser hat im Krieg beide Eltern durch deutschen Beschuss verloren an einem Tag und musste für seine Geschwister als ältester viele Jahre lang sorgen. Trotzdem sind die Eltern recht verzweifelt im Gedanken der Trennung, denn sie wollen sich auch aussiedeln lassen. Der Pole stammt aus der Lemberger Gegend und spricht kein Deutsch. Alle Kinder, einschließlich des 9-jährigen Jerzy (Georg), selbstverständlich auch die Eltern, sprechen fließend Deutsch und Polnisch.

In ihrem Garten finden sich Beeren und Blumen, so ziemlich die einzigen im Dorfe. Zu unseren Zeiten in jedem Garten zu finden, sieht man sie jetzt höchst selten einmal. Aus Mangel an Pflege und wucherndem Unkraut sind die Sträucher bei ihren neuen Besitzern eingegangen. Auf die Frage der Deutschen, zu denen die Polen um Blumen in meinem Dorfe gekommen waren, wird geantwortet. „Ach, bei uns wachsen sie nicht!“. Nun müssen die deutschen Besitzer dieser Herrlichkeiten auf der Hut sein vor großen und kleinen Räubern, die nur zu gern auf eine sich bietende Gelegenheit warten.

Die Nachbarn S. sind auch noch da. Herr S. bringt mich immer wieder zum Lachen mit seinen humoristischen Erzählungen im schönsten Schlesisch. Sie haben alle sehr viel Arbeit auf den Feldern. Zudem treibt der Kartoffelkäfer in noch nie dagewesenem Maße sein Unwesen. Deutsche und Polen gehen mit Flaschen auf die Kartoffelfelder und lesen die Käfer ab, wie man Beeren pflückt. Zum ersten Mal sehe ich diese Tiere in allen Lebensstadien. Die Bestellung der Felder ist sehr unterschiedlich. Teilweise sind Kartoffeln und Rüben noch weit zurück und werden jetzt, Anfang Juli, gehackt und vom Unkraut befreit. Zwischen gut bestellten Feldern dehnen sich immer wieder Brachflächen mit Disteln oder Hederich dicht bestanden. In der Nähe unseres Ortes ist es sogar vorgekommen, dass ein Feld mit Mist befahren und umgepflügt wurde, dann aber alles liegen blieb und zum Kartoffelstecken der Arbeitseifer nicht mehr reichte. Nach allem, was ich sah, muss man annehmen, dass im Kreis Wohlau und Neumarkt fast 50% nicht oder so schlecht bestellt sind, dass von einem Ertrag nicht gesprochen werden kann!

Großen Schaden hat auch der lang anhaltende Regen verursacht. Überall sieht man in der Nähe der Oder Überschwemmungen. In der Rebnitzer und Trachenberger Gegend sah ich dagegen, als ich mit der Kleinbahn 5 Stunden durch das Land fuhr, sich weite gut aussehende Roggenfelder ausdehnen wie goldene Meere. Ein überraschender Anblick.

Als wir mit den Rädern über Nimkau in unser Kreisstädtchen Neumarkt fuhren, machten wir Station beim deutschen Tierarzt Mischke und seiner Frau. Er ist ein alter Herr und nicht mehr im Dienst. Das Haus und der Garten waren wieder eine besonders reizende Oase in dem so verwüsteten Städtchen. Am Gartentor war noch das zerschlagene Schild mit den Resten des Namens zu sehen. Wir wurden wieder nach 20 km Fahrt sehr gastfrei aufgenommen. Ein vergnügter, bezaubernder Langhaardackel erfreut mich sehr. Er genießt sein Hundeleben in vollen Zügen.

Zu finden sind auch noch zwei Ordensschwestern Geburgis und Camilla aus dem ehemaligen Lazarett – ganz überraschenderweise. Die gegenseitige Freude ist groß. Beide sehen noch unverändert aus. Als wir gemütlich im Krankenhausgarten zusammensitzen (wo sie jetzt tätig sind) und plaudern, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Als wir uns abends, nach unserem Streifzug durch die Gegend, wieder bei Herrn M. und seiner Frau verabschieden, sieht uns der alte Herr noch lange von der Gartenpforte aus nach. Ich kenne seine Gedanken und mir wird das Herz schwer. Er klammert sich, wie so viele dort, an die Hoffnung, dass es bald wieder anders wird, dass die Deutschen zurückkommen.

Ebenso ist es in Steinau. Das kleine, ehemals gepflegte Landstädtchen ist an Zerfall und Zerstörung wohl kaum noch zu überbieten. Wir sind zu Gast bei Bekannten von Familie W. und werden wieder fürstlich bewirtet. Sie wollen alle wieder so viel von Deutschland hören. Wir gehen dann noch zu Herrn Klump, der einen großen Hof hat und ihn mühsam bis heute erhalten konnte. Selbst nicht mehr jung, kann und wird sich Herr K. nicht mehr davon trennen. Auch er blickt uns lange nach, als wir uns verabschieden. Diese beiden deutschen Familien sind die letzten am Ort und fühlen sich recht verlassen. Wir besehen uns noch einen polnischen Fleischerladen. Sie haben alle keine Kühlanlagen, ein unvorstellbarer Zustand. Außerdem sind diese Läden ein rechtes Paradies der Fliegen.

Und die polnische Bevölkerung? Angesichts der verwahrlosten Gebäude, der Obstbäume mit den heruntergerissenen Zweigen (das Obst wird in jedem Fall, meist schon drei Wochen nach der Blüte, grün gegessen), dem schlecht gehaltenen Vieh, den oft schlecht oder unbestellten Feldern, ist man geneigt zu verallgemeinern und ein sehr negatives Urteil zu fällen. Ja, mir kommt der Gedanke, sie werden auch mit den Menschen so umgehen und ich möchte mich vor den östlichen, oft misstrauisch blickenden Gestalten fast fürchten. Aber auch hier liegt das Positive und Negative so dicht nebeneinander wie das bestellte Feld neben dem unbestellten. Auch ihnen, den vom Kriege meistens schwer Heimgesuchten und ja größtenteils auch Vertriebenen, muss man gerecht werden.

Viele von den neuen Bewohnern kamen von der russischen Grenze, von Tarnopol, von Grodno, vom Bug, von Lemberg. Auch Ukrainer, kommunistische, des Landes verwiesene Griechen und repatriierte Russen waren in unserer Gegend zu finden, eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft. Viele von ihnen haben von den Deutschen in den vergangenen Jahren erst viel gelernt. Nach den Erzählungen haben viele ihre Wäsche noch am Wasser geklopft, kannten kein Waschbrett, kein Einkochen, kein Backen und Braten, kein richtiges, regelmäßiges Kochen, keine Möbel und keine Maschinen. Sie heizten im Winter ihre Räume nicht, sondern wohnten und schliefen alle zusammen in der Küche. Diese nannten die Schlesier „die Schnupftüchel- oder Rucksackpolen“. Sie lebten und leben heute noch von ihrer Kuh und den Ziegen, die sie an allen nur möglichen Stellen, meistens durch die Kinder, hüten lassen. Auch auf den deutschen Friedhöfen, wohl das jetzt traurigste Kapitel der heutigen Gebiete unter polnischer Verwaltung.

Noch heute werden Gräber und Grüfte aufgerissen, um nach Goldzähnen und Wertsachen zu suchen. Es gibt wohl kaum noch eine Gruft, die nicht aufgemacht worden ist. Die Grabsteine sind zerbrochen, umgeworfen oder abmontiert und verkauft worden. Ein solches Vorgehen wird heute bestraft, aber es ist meistens zu spät und gegen das Weisen ist schwer etwas zu machen. Es dringt niemand durch. Diese Polen leben von Milch und trockenem Brot. Im Winter werden viele Sonnenblumenkerne gekaut. Sehr beliebt sind Zwiebeln, die geschält auf einem Ruck gegessen werden.

Unbegreiflicherweise wird das Vieh ausgesprochen schlecht gehalten. Es wird z.B. kein Kraftfutter für die Kühe angebaut und so sehen sie alle recht mager und erbärmlich aus. Da keine Zäune gepflegt und erhalten bleiben, sieht man oft Schafe und Kühe mit einem Knüppel zwischen den Beinen weiden, oder einem Strick um die Vorderfüße. Polnische Wirtschaft, so möchte man sagen.

Zudem kommt die sich katastrophal auswirkende Ansicht: „Es ist ja nicht unser, es gehört uns ja doch nicht, wir bleiben ja doch nicht.“ So soll eine Frau gesagt haben, sie putze ihren Fußboden nicht, für die Deutschen täte sie das nicht. Dieselbe Frau hat aber auch ihre deutsche Nachbarin gefragt, ob diese sich alle Tage ihre Haare kämmte, sie täte es nur mittwochs und sonnabends. Es verbindet sich hier anscheinend ein den Polen eigener Zug zur –gelinde gesagt– Großzügigkeit mit einer eigentlich nach 13 Jahren nicht ganz verständlichen Unsicherheit der Existenz.

Selbst der Förster, der in unserem Haus wohnt, sagt mir. „Ja, ich würde ja meine Bienenstöcke noch ganz anders ausbauen, wenn ich wüsste, dass ich hier bleiben kann.“ Diese Ansicht höre ich, wo immer ich hinkomme. Und da sich das Arbeiten zudem nicht recht „lohnt“, weil man für das Geld nichts bekommt und der Staat auch anscheinend den „Neusiedlern“ in keiner Weise entgegenkommt, wirken die Menschen müde und gleichgültig. Ihre Umwelt spiegelt das nur allzu deutlich wider.

In unserem Haus in Kniegnitz wohnt jetzt ein polnischer Förster in den unteren Räumen, die oberen stehen leer. Mit ihm sind wir längere Zeit schon in Verbindung. Er ist Pole, hat aber auf der Schule Deutsch gelernt, in der Provinz Posen bei Deutschen gearbeitet. Seine Frau stammt aus Weißrussland. Sie lebten zuletzt wohl bei Warschau. Als der 2. Weltkrieg kam, wollte Pan Franciewicz weder zur deutschen noch polnischen Armee. Nach dem Einmarsch der Russen wurde er 6 Jahre mit seiner Familie nach Sibirien verschleppt und musste dort schwer arbeiten und hungern, ging dann doch zur russischen Armee und kam bis nach Berlin. Noch heute sind die grausamen Erlebnisse des Krieges in ihm lebendig und er erzählt gleich davon. Er ist vielleicht das typischste Beispiel dafür, wie die einzelnen Menschen von den Mühlsteinen des Hasses der Völker gegeneinander und der Kriege zermahlen werden. Sein großes Steckenpferd sind die Bienen. Als ich kam, wurde ich gleich bewirtet mit Wabenhonig und Milch. Ich ging dann durch das ganze Haus und fotografierte draußen bei herrlichem Wetter jeden Winkel. Als meine Zeit zu Ende war, ich mich verabschieden wollte und wir in unserem ehemaligen Esszimmer selbstgemachten Honigschnaps zusammen trinken, bringt er mir noch zwei kleine wertvolle Gegenstände aus unserem einstigen Haushalt, die das Inferno und vier verschieden Bewohner unseres Hauses überstanden haben. Auf meine Bemerkung, was ich ihm dafür geben könne, lachte er und sagt: „Ein gutes Wort!“.

Oder der Pole im Heimatdorf meiner Mutter, in dessen Wirtschaft noch Bilder von uns sein sollen. Er ist anfänglich misstrauisch und zurückhaltend. Erst allmählich bei dem mühsam gedolmetschten Gespräch taut er auf. Auch er kommt gleich auf den Krieg zu sprechen und meint, er könne auch nicht in seine verwüstete Heimat bei Lemberg fahren, jetzt unter russischer Herrschaft, und nach Eigentum fragen.

Er erzählt von Erschießungen von Frauen und Kindern durch die SS. Als ich ihm sage, er möchte doch den Krieg vergessen, schüttelt er nur mit dem Kopf und lädt uns (meinen jungen deutschen Dolmetscher und mich) in seine sehr ordentliche „gute Stube“ und bewirtet uns mit Milch und Brot. Beides schmeckt nach der heißen Radfahrt ganz köstlich. Er holt dann noch zwei übrig gebliebene Bilder vom Boden der ehemaligen Zornwirtschaft, über die ich mich riesig freue.

Im selben Dorf (Sürchen) wohnt ein Mann, der eine, d.h. meine Uhr für ein kleines Bild haben wollte, und ich verzichte auf den Handel. Ein anderes Mal bin ich bei einer deutschen Frau zu Gast. Wir haben als Kinder zusammen gespielt, sie lebt jetzt mit einem Polen zusammen, hat zwei entzückende Mädelchen, aber alle ihre Geschwister und nächsten Angehörigen sind in Deutschland. Wie groß war die Freude, als ich komme! Wie wurde ich aufgenommen!

Am nächsten morgen wurden die gut gefütterten und gepflegten Pferde aus dem Stall geholt und mit einem sonst für den Pfarrer reservierten und geborgten Kutschwagen fahren wir in das 4 km weiter gelegene gemeinsame Kinderparadies (Sürchen) von Frau E. und mir. Es wird eine wunderschöne Rundfahrt, auf dem Rückweg über Seifersdorf und Dyhernfurt.

Ich treffe auch einen jungen Chemiker, dem man jederzeit auch hier begegnen könnte, und mit dem man sofort Kontakt hat. Er fragt mich in gebrochenem Deutsch, ob ich dächte, dass sie alle Kommunisten seien? Oder das Buchhalterehepaar auf dem großen Hof von Herrn Radler in Losswitz, die beide meiner Begleiterin bekannt sind. Sie stammen aus Zentralpolen. Auf die Frage, ob sie lieber wieder zurückgehen möchten, erzählen sie, dass bei ihnen 4x die Front gewesen sei. Jede weitere Frage zu dem Thema Heimat erübrigt sich. Sie arbeiten und kommen doch zu nichts.

So sagen übereinstimmend Deutsche und Polen. Auch wenn sie die Gebäude ausbessern wollten, so gäbe es doch kein Material und das Buchhalterehepaar weist auf die 1945 von den Russen angezündeten Gebäude auf dem Hof, die noch genau so daliegen.

Der Mann in der Portierloge im Hotel Monopol, bei dem ich wenige Stunden vor der Abfahrt meine Tasche abgebe und der gut deutsch sprich, weist mit traurigen Augen auf die entsetzliche Zerstörung und Verwüstung hin, als ich ihm auf seine Frage antworte, dass es auf dem Land trotz allem sehr schön war. „Wie sieht das hier alles aus!“ Er kann sich garnicht beruhigen. Nun, in Breslau möchte ich heute auch nicht wohnen. Die Zerstörung ist noch unbeschreiblich.

Unser polnischer Reiseleiter, den wir alle gern mochten, verabschiedet sich herzlich von uns am Breslauer Hauptbahnhof, als wir zurückfahren. Er arbeitet mit dem Reisebüro in Hannover zusammen, aber die Stadt, die er theoretisch so gut kennt, kann er sich nicht wirklich ansehen. Er kann nur bis Görlitz fahren, d.h. er steigt dort zu. Weiter ist es nicht erlaubt. Er war überhaupt noch nie im Ausland, wie er mit deutlichem Bedauern mitteilt. Und zuletzt noch die polnische Lehrerin in Kniegnitz, mit der wir zusammen Geburtstag gefeiert haben. Sehr laut und viel Alkohol. Hinter der lauten Fröhlichkeit und Ausgelassenheit der jungen Frau meinte ich doch wohl den Kummer um ihren Mann zu spüren, der, wie mir erzählt wurde, als Offizier bei Katyn mit all den anderen polnischen Offizieren von den Russen erschossen wurde.

All diese Menschen, die mir so vorurteilsfrei und gastfreundlich entgegengekommen sind, sie alle trugen zu einer sehr versöhnlichen Note bei in all dem Chaos und der Desorganisation. Sie bewahren vor dem Verallgemeinern.

Als die Zeit der Abreise kommt und wir auf dem Bahnhof auf den Zug warten, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass es der letzte Besuch in der alten Heimat war. Als sich der Zug in Bewegung setzt, legt der polnische Stationsvorsteher zum Gruß die Hand an die Mütze und ich winke der immer kleiner werdenden Station zu. Es ist zum Abschied ein glühend heißer Sommertag und die Sonne leuchtet über dem Land... Als wir Stunden später den Breslauer Hauptbahnhof verlassen, bleiben die Bahnhofshallen durch das Gegenlicht mit den zurückbleibenden Menschen im Stockdunkeln, gleichsam symbolisch. Man kann nur gerade noch die Umrisse der winkenden Arme erkennen, wie helle Striche.

Uns quält die Frage, was wird weiter geschehen? Wie sieht die Zukunft unserer Ostgebiete aus? 13 Jahre sind im Leben eines Menschen lang und können so bedeutungsvoll sein. In der Geschichte sind sie nichts, und so vermögen wir auch die Zukunft nicht zu deuten und es scheint in Frage gestellt, ob meine Generation (1922) noch eine Lösung des Problems der Länder im Osten der Welt erleben wird.

 

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