Walter Schmidt

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Klara Schmidt Biografie 2013

Walter Schmidt

Clara Schmidt, geb. Leppich

(30. Juli 1895 bis 1. Februar 1983)

Biografische Erinnerungen an meine Mutter

 

Meine Mutter, Klara Schmidt, geb. Leppich wurde am 30. Juli 1895 in der oberschlesischen Kohlenmetropole Beuthen (Bytom) geboren und am 4. August 1895 in der altehrwürdigen, im 13. Jahrhundert erbauten Beuthener St. Maria-Kirche getauft.1 Die Stadt,2 in die sie hineingeboren wurde und aufwuchs, war nach vorheriger österreichischer Herrschaft 1742 an Preußen gefallen, seit 1817 Kreisstadt und hatte sich im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung zum Zentrum des wichtigen oberschlesischen Bergbau- und Hüttenbezirks entwickelt. Von 2.000 Einwohnern im Jahre 1820 war sie 1890 auf 36.905 Bewohner angewachsen und verdoppelte sich fast bis 1910 auf 67.718. Abgebaut wurde in der Stadt und im Umfeld in zahlreichen Gruben Zink, Eisenerze, Bleierz und zunehmend vor allem Steinkohle. Heute ist das ganze Stadtgebiet durch den Steinkohlenabbau unterminiert, was zum für viele Gebäude gefährlichen Absacken des Bodens führt. Daneben waren im 19. Jahrhundert große Eisenhüttenwerke entstanden. Der größte Eigentümer des Ganzen war Guido Graf Henckel Fürst von Donnersmarck aus einer schlesischen Adelsfamilie, ein Landbesitzer und Industrieunternehmer, der 1913 nach Krupp als der zweitreichste Mann in Preußen galt.3 Politisch stellte 1907 in Beuthen die sogenannte Polenpartei mit rund 26.000 Stimmen bei den Wahlen die entschiedene Mehrheit und dokumentierte so den hohen, überwiegenden Anteil an polnisch-sprechenden Oberschlesiern. Die Nationalliberalen mussten sich mit ca. 9.000 Stimmen zufrieden geben und das erzkatholische Zentrum konnte sogar nur 7.000 auf sich vereinigen. Die SPD kam aber mit immerhin schon 6.000 ans Zentrum heran, was für einen wachsenden politisch mobilen Arbeiteranteil sprach.

Was wunder, dass meine Mutter in einer Bergarbeiterfamilie aufwuchs. Ihr Vater, mein Großvater August Leppich, den ich noch erlebte (er starb 1947) und an den ich manch schöne Erinnerung habe, war Vorarbeiter oder Steiger in einem der Kohlenbergwerke und stammte - wie auch seine Frau Viktoria, geb. Woytalla - wohl vom Lande. Victoria Woytalla war die Tochter eines Dorfschullehrers. Sie starb 1907, als meine Mutter 12 Jahre alt war. In der Leppich-Familie war der Vater zunächst der einzige, der des Deutschen voll mächtig war; als Vorarbeiter musste er wohl mehr wegen der Verhandlungen mit den Vorgesetzten deutsch beherrschen, während im Schacht oder über Tage mit den Bergarbeitern sicher eher polnisch das gebräuchliche Verständigungsmittel blieb. Und zu Hause sprach man natürlich ebenfalls durchweg „po śląsku“, im oberschlesischen, sogenannten „wasserpolnischen“ Dialekt der „Śląsaken“. Dieser Dialekt hatte gegenüber dem Hochpolnischen seine Eigenheiten und war mit manch deutschem Einsprengsel durchsetzt. Gleichwohl hat er eine eigene oberschlesische Mundartliteratur hervorgebracht.4 Meiner Mutter Mutter Victoria Leppich, geb. Woytalla, konnte selbst, wiewohl einer Lehrerfamilie entstammend, wahrscheinlich wenig oder kaum deutsch. In der Leppich-Familie wurde jedenfalls anfangs nur polnisch gesprochen. Auch meiner Mutter Stiefmutter, die ich noch kennen lernte, redete selbst in den 1930 er Jahren lieber polnisch als deutsch.

Kindheit und Jugend in einer Bergmannsfamilie.

Die Śląsaken

 

So kam es, dass meiner Mutter „Muttersprache“ nicht deutsch, sondern polnisch, genauer „wasserpolnisch“ war. Und sie behielt die Fähigkeit, sich in der Sprache ihrer Kindheit fließend zu verständigen, ihr Leben lang. Es war immer mein besonderer Ärger, dass sie sich mit ihrer einzigen, um fünf Jahre älteren Schwester, meiner Tante Therese, so sie bei uns zu Besuch war, polnisch zu unterhalten pflegte, wenn wir Jungen sie nicht verstehen sollten. 1945/46 allerdings kam uns und manchen Nachbarn in Auras diese Fähigkeit sehr zugute. Sie war zumal in den ersten Wochen nach dem Einrücken der Roten Armee sicher nicht selten lebensrettend, galt meine Mutter für die Russen doch nicht einfach als Deutsche, sondern eher als eine Slawin, auf die man hier und da doch etwas mehr Rücksicht nahm. Überhaupt nutzte ihr diese Sprachkenntnis ungeachtet der Unterschiede zum Russischen auch im Ungang mit den Russen.

Deutsch zu sprechen, zu lesen und zu schreiben lernte meine Mutter erst in der Volksschule, die sie in ihrer Geburtsstadt von 1901 bis 1908 besuchte5. Wiederholt erzählte sie mir, dass dies nicht gerade freiwillig vor sich ging. Im Unterricht musste aufgrund der von Otto von Bismarck im Rahmen seiner Germanisierungspolitik in den 1880er Jahren angewandten Gesetze selbstverständlich deutsch geredet werden, so schwer dies anfangs auch fiel. Dafür aber suchten die Kinder umso mehr in den Pausen auf dem Schulhof, sich wieder in ihrer Muttersprache, die ihnen ja viel geläufiger war, zu unterhalten. Doch wenn sie von den Lehrern dabei erwischt wurden, setzte es in der nächsten Stunde sofort körperliche Strafen. Nicht selten habe sie ihre Hände ausstrecken müssen, um sich wegen polnischen Sprechens auf dem Schulhof mit dem Rohrstock auf die Finger prügeln zu lassen. Anfangs hatte man wenigstens noch den Religionsunterricht in der Schule in Polnisch erteilen lassen. Aber seit 1901, also just in dem Moment, als Mutter in die Schule aufgenommen wurde, war es auch damit vorbei. Nur in der katholischen Kirche selbst bestand noch die Möglichkeit, die Messe auf Polnisch zu hören und seine Gebete polnisch zu sprechen. Eine Reihe von polnischsprachigen Heiligenbildchen, die in Mutters wenigen Unterlagen überliefert sind, bezeugen, wie stark ihr vor allem auf religiösem Gebiet die polnische Sprache geläufig blieb.

Meine Mutter, obwohl in der Großstadt geboren und aufgewachsen, liebte das Leben auf dem Lande. Zu ihren Verwandten mütterlicherseits, namentlich zu ihren Großeltern oder zur Schwester ihrer Mutter, einer geborenen Woytalla, die in einen Bauernhof eingeheiratet hatte, durfte sie während der Schulferien fahren.6 Auf dem Dorf traf sie ihre ältere Schwester Therese, die nicht in der Beuthener Leppich-Familie, sondern bei ihren Großeltern, den Woytallas, auf dem Dorfe aufwuchs. Therese, ein begabtes Mädchen, sollte auf Wunsch des großväterlichen Dorfschullehrers aufs Lehrerseminar gehen. Das scheiterte jedoch daran, dass sie es ablehnte, die oberschlesische Tracht abzulegen. Mutters Erzählungen war zu entnehmen, dass sie sich auf dem Dorfe besonders wohl fühlte, obwohl sie bei den Arbeiten auf Hof und Feld hart rangenommen wurde. Ein Erlebnis, über das sie häufig berichtete, hat sie tief beeindruckt. In ihrer unmittelbaren Umgebung schlug auf dem Feld der Blitz ein und erschlug einen Mann, während er Getreidegarben auf den Wagen lud, die vor dem Regen noch in die Scheune gebracht sollten. Verständlich, dass sie sich fortan vor Gewittern besonders fürchtete. Die Rückkehr von solchen Ferienausflügen in die Stadt war stets mit Tränen verbunden. Ob dabei auch eine Rolle spielte, dass die beiden Mädchen Therese und Klara getrennt waren und meine Mutter mit der zweiten Frau ihres Vaters, also ihrer Stiefmutter, nicht immer ein Herz und eine Seele war, sei dahingestellt. Sie hat darüber nie geredet. Aber ein besonders herzliches Einvernehmen mit ihrer Stiefmutter bestand zumindest in der Zeit, in der ich sie kennen lernte, nicht gerade. Auch in meiner Erinnerung blieb ihr Bild im Gegensatz zum Großvater, den ich sehr mochte, überaus blass. Sie wirkte auf mich immer etwas fern und war mir nicht sonderlich sympathisch.

 

Die mütterliche Verwandtschaft

 

Ihrer einzigen und älteren Schwester Therese fühlte sich Mutter zeitlebens in besonderer Weise verbunden, was sich auch auf mich übertrug. Zu Tante Therese und ihrer Familie nach Beuthen zu Besuch zu fahren, war für mich als Junge, der ohne Geschwister aufwuchs, immer ein großes Erlebnis, von dem ich oft noch Wochen zehrte, wenn ich traurig wieder allein in Auras war. Das hing sicher damit zusammen, dass die Bieneks in Beuthen eine große Familie mit fünf Kindern waren. Da war immer was los. Tante Therese hatte im ersten Weltkrieg - 1917 - den Bergmann Thomas (genannt Thomek) Bienek geheiratet, einen ruhigen und freundlich-brummigen, durchweg Untertage beschäftigten Bergarbeiter, der immer dann ein wenig auftaute, wenn er sich einen Schnaps genehmigt hatte. Musikalisch begabt, spielte er den Kontrabass in der Bergmannskapelle. Er blieb auch nach 1945 unter polnischer Verwaltung in seinem Beruf und verunglückte Ende der vierziger Jahre in der Grube tödlich. Tante Therese, die ich 1961 noch besuchen konnte, starb 1965 an Magenkrebs.

Am 22. November 1918 wurde ihre älteste Tochter Else geboren, Ende der dreißiger Jahre und bis ins hohe Alter eine bildhübsche und ebenso intelligente wie energische Frau, die auf meinen Vater tiefen Eindruck machte, an deren Besuch in Auras ich mich noch gut erinnere. Sie heiratete 1941 Raimund Skrobarczyk, einen lebensfrohen Mann, den sie schon 1943 verlor. Er verlor an der Ostfront sein Leben. Seitdem lebte sie allein, war aber eine entscheidende Stütze der Bienek-Familie in Beuthen. Sie arbeitete zunächst bei der Reichsbahn, war da zuletzt Stationsvorsteherin. Jedenfalls erinnere ich mich, dass ich ihr mit ihrer roten Dienstmütze auf einer oberschlesischen Station bei der Durchfahrt des Schnellzuges mehrmals zuwinkte, wenn ich von Beuthen wieder nach Hause fuhr. Sie sprach, las und schrieb später fließend polnisch und arbeitete nach 1945 bis zu ihrer Berentung in einer Verwaltung, heiratete aber nicht wieder. Zu ihr hatte meine Mutter und hatte auch ich bis zu ihrem Tod ständigen, zumindest brieflichen Kontakt. Einmal, in den 1960er Jahren, war sie für eine Woche bei uns in Berlin zu Besuch. Ich selbst besuchte die Beuthener, wie wir meine Verwandten in Oberschlesien nannten, auch nach 1945 einige Male; das erste Mal im Februar 1961, als ich vier Wochen in Breslauer Archiven und Bibliotheken für meine Dissertation über Wilhelm Wolff arbeiten konnte; dann gemeinsam mit meiner Familie im Frühsommer 1972, nachdem in der DDR der visafreie Grenzverkehr mit Polen eingerichtet war; schließlich Ende Juni 1997 und Anfang des neuen Jahrhunderts zu ihrem 85. Geburtstag im Sommer 2003 gemeinsam mit meinem Sohn Peter, der die anstrengende Aufgabe des Fahrers zu den Stätten meiner Kindheit und Jugend und zu den oberschlesischen Verwandten auf sich genommen hatte. Und bei dessen winterlichen Urlaubsreisen mit seiner Familie in die Hohe Tatra machte Peter in den 1990er Jahren stets für einige Stunden wenigstens Station bei seiner Tante Else in Bytom. Sie lernte so auch meine Enkeltöchter noch kennen, die von Tante Else begeistert waren und sich heute noch daran erinnern. Else starb am 27. Juni 2008 im neunzigsten Lebensjahr in Bytom.

Else folgte Alfons, von dem ich nur noch weiß, dass er sich 1938/39 freiwillig zur Kriegsmarine meldete, dann ins Rheinland heiratete und dort nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft bis zu seinem Tode wohnte. Dann kam Berta, geboren Mitte der 1920err Jahre ein eher ruhiges und zurückhaltendes, aber durchaus lebensfrohes Mädchen, die mir sehr sympathisch war. Sie arbeitete auf der Grube, auch nach 1945. Der Einmarsch der Roten Armee im Januar 1945 mit den bekannten Begleiterscheinungen bescherte ihr einen Sohn, den die Bienek-Familie in Erinnerung an den 1944 gefallenen Bruder Heinrich Heniu nannten. Um ihn kümmerte sich fortan weniger seine leibliche Mutter Berta als vielmehr vor allem Else. Auch Heniu ging auf die Grube, arbeitete dann in anderen Berufen, heiratete, hat eine längst erwachsene Tochter und ist heute bereits Rentner. Berta heiratete nach 1945 noch einen Witwer Stanossek; sie, eine leidenschaftliche Raucherin, starb in den 1980er Jahren an Lungenkrebs. Vor Berta wurde der schon erwähnte Heinrich geboren, der, bei der Musterung im Krieg zur SS gezwungen, im Krieg in der Sowjetunion, bei Poltawa, fiel.

Der Jüngste der Bieneks war Reinhold, geboren am 5. Juni 1927, ein gelernter Böttcher. Mit ihm verbanden mich im Grunde brüderliche Gefühle. Er stand mir altersmäßig am nächsten, war oft in den Ferien bei uns in Auras, gehörte zu meinen treuesten Spielgefährten. Er war ein durch und durch fröhlicher und optimistischer Typ, der meine Mutter mit seinem Charme spielend um den Finger zu wickeln wusste. Wenn sie mal mit uns Ärger hatte, was ja dann und wann vorkam, schaffte er es im Handumdrehen, sie wieder zum Lachen zu bringen und den Konflikt vergessen zu machen. Als er 1949 aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassen wurde und nicht zu seinen Eltern nach Polen gehen wollte, kam er zu uns nach Mohlsdorf , wo ihn Mutter wie ihren Sohn aufnahm und bis zu seiner Heirat mit Ernita 1954 liebevoll, wenngleich gestrenge umsorgte. Er ging wenige Wochen nach seiner Heimkehr zur kasernierten Volkspolizei und machte danach in der Nationalen Volksarmee, beim Bodendienst der Luft, Karriere bis zum Hauptmann. Nachdem er Mitte der sechziger Jahre ins Zivilleben zurückgekehrt war, wurde er Ökonom und war in Leipzig in einem für die Sowjetarmee arbeitenden Baubetrieb beschäftigt. Er starb 1984 nach der Operation an einem Hirntumor.

Neben ihrer Schwester Therese hatte meine Mutter noch drei Brüder, davon zwei aus der zweiten Ehe meines Großvaters: Anton, der für mich nur Onkel Antek hieß; Josef, genannt Jużik, und Franz (Franzek), von dem ich nur wusste, dass er auf der Grube arbeitete, ein talentierter Musiker war und als Kapellmeister einer Bergmannskapelle vorstand. Franz arbeitete nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft wieder auf der Grube, erkrankte an Meningitis und wurde dadurch verwirrt. Da er Kirchenlieder wiederholt öffentlich und grundsätzlich nur in deutsch sang, was ja in Polen in den Nachkriegsjahren strikt verboten war, kam er wiederholt in Haft, und seine Frau hatte stets Mühe, ihn mit ärztlichen Attesten wieder zu frei zu bekommen. Zu den Onkeln Jużik und Franzek waren die Kontakte nicht besonders eng. Sie lebten wie Großvater und Tante Therese allesamt in Oberschlesien, sogar in Beuthen.

Die meisten Erinnerungen habe ich noch an Onkel Antek, ein Leppich aus der ersten Ehe des Großvaters, der mit Tante Franzka verheiratet in Rossberg (Rozbark), einem Stadtteil von Beuthen, lebte und dessen Sohn Kurt zusammen mit Reinhold, wiederholt in den Ferien bei uns in Auras zur Erholung war. Was Antek beruflich machte, habe ich ebenso vergessen, wie die Professionen der anderen beiden Brüder. Nur nicht, dass Antek ein künstlerisch begabter Mann war. Er verstand zu malen (wir hatten im Schlafzimmer ein von ihm gemaltes Bild, einen traditionell röhrenden Hirsch am Waldesrand, der den Sowjets 1945 so gut gefiel, dass er sich als Kriegs-Trophäe eines der Offiziere nach Russland auf den Weg machen musste) und er blies hervorragend die Trompete, konnte aber auch andere Instrumente spielen. Er war ein lustiger und fröhlicher Bursche, den ich einfach ebenso mochte wie seine Frau, die freundliche Tante Franzka. Politisch war er - wie wohl auch Josef - irgendwann in die NSDAP eingetreten, um seinem Sohn das Fortkommen als Bankangestellter zu erleichtern. Als die Rote Armee im Januar 1945 Beuthen besetzte, wurde Antek interniert und verstarb in einem der Lager, die die Sowjets 1945 für Nazis errichtet hatten, in denen aber auch manch Unschuldiger schmachtete und zugrunde ging. Kurt, sein einziger Sohn, mindestens drei, wenn nicht vier Jahre älter als ich, war schon vor 1945 verstorben. Er war Soldat geworden, bekam nach einer Verwundung Muskelschwund und ging daran zugrunde. Ich besuchte ihn 1942 oder 1943 im Lazarett in Schweidnitz, als er schon nicht mehr in der Lage war, allein aufzustehen und zu laufen. Was aus Tante Franzka wurde, weiß ich nicht.

 

Machinenstrickerin in Beuthen und Hausangestellte bei den Wolffs in Myslowitz

 

Nach dem Abschluss der Volksschule war es für meine Mutter nicht leicht unterzukommen. Ihr Vater besorgte ihr schließlich eine Stelle in einer Maschinenstrickerei; ob sie den Beruf einer Maschinenstrickerin erlernte oder nur eine angelernte Hilfsarbeiterin blieb, weiß ich nicht. Aber sie liebte diese Arbeit in einer stickigen Fabrik überhaupt nicht. Eingebracht hat diese Arbeit nur einen Hungerlohn, der überdies zu Hause abzugeben war. Wie sie den ersten Weltkrieg erlebte, darüber hat sie sich nicht ausführlich geäußert. Erzählt hat sie nur einige Male vom schlimmen Hungerwinter 1917/18, dem so genannten „Kohlrübenwinter“, der in ihr eine tiefe Aversion gegen dieses Gemüse zurückließ. Ich kenne jedenfalls kein einziges Kohlrübengericht in unserer Familie.

Hingegen erzählte sie bisweilen, dass sie es wie eine Befreiung empfand, als sie die Fabrik verlassen und wohl gegen Ende des Krieges als Dienstmädchen im benachbarten Myslowitz (Mysłowice) „in Stellung“ gehen konnte. Klara Leppich wurde „Hausangestellte“, so die offizielle Berufsbezeichnung auf ihrer Heiratsurkunde, und zwar bei der streng gläubigen jüdischen Familie Adolf Wolff, die dort seit geraumer Zeit einen Stoff-Großhandel betrieb. In welchem Jahr das geschah und wer die neue Arbeitsstelle vermittelt hat, blieb im Dunkeln. Zwar war die Entfernung von Geburtsort nicht groß, doch Mutter kam jetzt erstmals in eine andere oberschlesische Stadt, die gewiss kleiner und sicher auch gemächlicher als Beuthen gewesen sein mag. Während Beuthen schon zu einer Großstadt geworden war, hielt sich Myslowitz mit seinen 18.000 Einwohner im Jahre 1914 noch in Grenzen. Hier war noch in höherem Maße als in Beuthen die Mehrheit der Bevölkerung polnischsprachig Die Stadt verdankte ihren Aufschwung ebenfalls dem Steinkohlebergbau und einem Zinkwerk. Ganz abgesehen davon, dass sich, seit 1815 Russland Kongresspolen zugesprochen worden war und nach der Okkupation Krakaus durch Österreich auch das Habsburger Reich an Myslowitz herangerückt waren - unweit des Städtchens also die Grenzen von Russland, Österreich und Preußen (und seit 1871 Deutschland) zusammentrafen. Das verlieh der Stadt neben einem Eisenbahnknotenpunkt einen besonderen Ruf. Hier befand sich bis 1918 das so genannte Dreikaisereck. Klara verließ mit der Übersiedlung nach Myslowitz erstmals die Beuthener Leppich-Familie und musste von nun an auf eigenen Füßen stehen. Sie scheint damit gut zurechtgekommen zu sein. Und auch ihre neuen „Arbeitgeber“ waren allem Anschein nach mit ihr zufrieden.

 

Die Übersiedlung nach Breslau

 

Denn als die Familie Wolff um 1919 ihr Stoffgeschäft in die schlesische Kapitale verlagerte, nachdem sich abzuzeichnen begann, dass Myslowitz zu Polen geschlagen werden könnte (was 1921 auch geschah) und im Zusammenhang mit Aufständen die Situation unübersichtlich und dem Geschäft offensichtlich abträglich wurde, da nahmen sie Klara Leppich als ihre Angestellte mit nach Breslau. Mit den Wolffs wohnte sie seit 1919 in der Breslauer Agathstraße (heute: Jantarowa) 8, in einem besseren bürgerlichen Wohnbereich im Breslauer Süden, unweit des Hindenburgplatzes (heute: Powstańców Śląskich, pl.) auf halbem Wege zum Südpark. Das Wolffsche Handelsunternehmen, firmiert als „Tücher und Kleiderstoffe engros“, wurde anfangs unweit der Wohnung in der Gutenbergstraße (Szymona Konarskiego) - auf der anderen, westlichen Seite des Hindenburgplatzes - eingerichtet 7, Ende der zwanziger Jahre aber in die Karlstraße (heute: Kazimirza Wielkiego), zunächst 44 und später 32 verlegt. Der neue Geschäftsstandort lag zwar in beträchtlicher Entfernung von der Wohnung, (wiewohl mit der Straßenbahn relativ gut zu erreichen),8 dafür aber in allerbester Geschäftslage, im Zentrum von Breslau. Die Karlstraße verlief unweit von Ring und Rathaus im Norden und parallel zum Stadtgraben südlich vom Karlsplatz/Ecke Graupenstraße in östliche Richtung bis zur Neuen Schweidnitzer Straße. Wolffs Geschäftsfirma fand dort wie hier guten Zuspruch; finanziell lief alles zur Zufriedenheit. Wolffs hatten, wie Mutter meinte, damit keinerlei Probleme. Die Adolf-Wolffsche „Kleiderstoff-Großhandlung“9 bestand - nach den vorliegenden Quellen zu urteilen – offenbar bis zum Jahr 1938. Erst nach den Erlebnissen des Judenpogroms der Nazis von November 1938 entschlossen sich die Wolffs – wie ich von Mutter erfuhr - zur Emigration. Sie haben das Geschäft vorher entweder noch verkaufen können oder es wurde auf bekannte Weise von den faschistischen Machthabern arisiert. Denn während „Tücher und Kleiderstoffe engros“ in der Karlstraße 32 laut Breslauer Adressbuch 1936 noch auf den Namen Adolf Wolff lief, gehörte es 1941 unter dem Namen „Textilwaren“ mit Breischdorf und Pläschke neuen Eigentümern.

Der Umzug in die schlesische Hauptstadt bedeutete für Mutter ohne Frage eine große Umstellung. Sie verließ das bisherige heimatliche oberschlesische Umfeld. Und sie kam in eine der größten Städte Deutschlands. 1925 zählte Breslau 555.200 Einwohner. Damit gehörte die schlesische Kapitale am Beginn der Weimarer Republik zu den 10 größten Städten Deutschlands. Breslau hatte zwar nicht wie Kiel, München und Berlin 1918 eine Revolution mit heftigen bewaffneten Kämpfen zum Sturz der Monarchie erlebt.10 Doch erfolgten nach Demonstrationen auch hier zwischen dem 9. und 12. November 1918 wichtige Veränderungen in den Machtstrukturen. Waren anderswo Arbeiter- und Soldatenräte entstanden, so bildete sich in Breslau ein Volksrat, an dem neben Sozialdemokraten und anderen Arbeitervertretern im Verhältnis von 66 zu 33 auch linksbürgerlicher Kräfte, vor allem aus der Deutschen Demokratischen Partei, aber auch einige Zentrumsanhänger beteiligt waren. Er arbeitete mit den personell erneuerten städtischen Verwaltungsorganen, Magistrat und Stadtverordnetenversammlung, zusammen. An die Spitze der Provinz trat als Oberpräsident mit Felix Philipp ein Sozialdemokrat. 1919 eroberte die SPD mit mehr als 51% die absolute Mehrheit der Stadtverordneten in der Stadt.

Breslau war mit der in der Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden Industrialisierung zu einem wichtigen Standort der modernen Großindustrie in Deutschland geworden, wobei die chemische und die Metallindustrie an der Spitze standen, der Waggonbau mit Linke-Hofmann herausragte, aber auch die Bekleidungs-, Papier- und Möbelbranche einen vorderen Platz einnahm. Von dem hier konzentrierten modernen Industrieproletariat und den zahlenmäßig starken städtischen Arbeitern gingen nach der Novemberrevolution wiederholt Bestrebungen nach Vertiefung, Ausweitung und Sicherung der eroberten sozialen und demokratischen Rechte und Freiheiten aus. Sie äußerten sich in meist auf eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse abzielenden Streikaktionen und in von anfangs allerdings relativ schwachen linkssozialistischen und kommunistischen Kräften vorgetragenen Versuchen, die Revolution in sozialistische Richtung weiterzuführen, so Mitte Februar, Mitte und Ende März und Mitte Juni 1919. Diese Bestrebungen wurden in Abstimmung mit dem sozialdemokratisch dominierten Volksrat und den Stadtbehörden sämtlich durch den Einsatz von Militär und durch kurzfristige Ausrufung des Belagerungszustands meist schon im Keime unterdrückt. Mehr als 30 meist Arbeiter verloren in diesen Auseinandersetzungen ihr Leben. „Zum bislang blutigsten Kapitel der Breslauer Geschichte im 20. Jahrhundert“11 wurde der Kapp-Putsch vom 13. bis 20. März 1920. Einmarschierenden Freikorpsverbänden gelang es, die Macht in der Stadt an sich zu reißen. Es kam zu zahlreichen Verhaftungen und auch Erschießungen von Linken und es wurde in die Menge geschossen. Wieder waren mehr als 30 Todesopfer zu beklagen. Angesichts des durchgreifenden Generalstreiks in der Stadt mussten die Putschisten nach dem Scheitern des Putsches in Berlin allerdings bereits am 18. März die Stadt wieder verlassen. Eine Bestrafung der Putschisten erfolgte nicht.

Die dramatischen Tage des Kapp-Putsches hat Klara Leppich sicher schon in Breslau erlebt. Allerdings wird sie dies in der zwar nicht ganz abgelegenen, aber doch ruhigeren bürgerlichen Wohngegend kaum direkt mitbekommen haben. Inzwischen hatte sie sich gewiss auch mit den Verhältnissen in der Großstadt vertraut gemacht, die ihre neue Heimat geworden war. Bis zu ihrer Heirat im Februar 1929 blieb sie als Hauswirtschafterin bei der Familie Adolf Wolff „in Stellung“, mit einem Gehalt von 50 Mark pro Monat und natürlich freier Kost und Logis im Hause. Seit eh und je gewohnt, bescheiden und sparsam zu leben, hat sie den Monatslohn in der Regel auf die hohe Kante gelegt. Und nicht selten diente ihr das Angesparte, um der eigenen Familie, besonders ihrer Schwester Therese, aber bisweilen wohl auch den Brüdern auszuhelfen, die alle finanziell oft in der Klemme steckten.

In der Familie Wolff, die inzwischen zu den wohlhabenden und in der Stadt angesehenen Kaufleuten gehörte, hatte sie eine feste, unangefochtene Stellung als jene unverzichtbare Kraft, die, da auch die Frau des Hauses mitarbeitete, den ganzen Haushalt in ihrer Regie hatte, gut zu kochen verstand und alles zusammen hielt. Man vertraute ihr bedingungslos, auch und vor allem, was bei gläubigen Juden entscheidend war, bei der Zubereitung der koscheren Speisen. Man wusste, auf sie kann man sich verlassen. Alles, was auf den Tisch der Herrschaften kam, war koscher eingekauft und gekocht. Sie selbst hat das so Zubereitete freilich nicht immer mitgegessen, sondern sich in gesonderten Töpfen und Pfannen bisweilen ein eigenes Mahl bereitet. Da die Eltern tagsüber beide im Geschäft waren, oblag ihr in großen Zügen auch die Kindererziehung, die sie mit gebotener Strenge vor allem gegenüber den zwei recht lebhaften und nicht immer gerade braven Buben praktizierte. Ausgesprochen temperamentvoll, impulsiv und energisch, wie sie selbst in älteren Jahren noch war - und ich weiß besser als jeder andere, wovon ich rede - ließ sie sich auch nicht davon abhalten, einem der Buben auch mal den Hintern zu versohlen, wenn er nicht hören wollte. Dessen Klagen bei der Mutter am Abend waren von vornherein zwecklos, denn die Eltern ließen ihren filius gleich beim ersten Mal wissen, dass Klara, mit der man sich’s nicht verderben, die man nicht verlieren wollte, mit Recht gestraft hatte, und so ließen die Jungs derlei Beschwerden fortan gleich sein.

Dank ihrer mehr als ein Jahrzehnt währenden Arbeit als Hausangestellte und dabei vor allem als Köchin war Mutter eine geradezu perfekte Hausfrau. Zu kochen verstand sie wie kaum eine andere. Selbst unter schwierigsten Bedingungen wie in unseren Hungerjahren 1947 und 1948 wusste sie aus den wenigen Nahrungsmitteln, die zur Verfügung standen, überaus schmackhafte Gerichte zu zaubern. Ich war also trotz einfacher Verhältnisse und beschränkten finanziellen Möglichkeiten also seit Kindheit gewissermaßen kulinarisch verwöhnt. Und als ich dann selbst „auf die Freite ging“, hab ich bei den Mädchen, die ich kennen lernte, nie versäumt, mich nach einiger Zeit bei ihnen zum Mittagessen einzuladen, um zu prüfen, ob sie einigermaßen kochen können. Das Mädchen Gisela, das ich dann heiratete, war sofort überraschend gut auf diesem Felde. Wiewohl ich mich natürlich nicht in erster Linie deshalb für sie entschied, haben ihre Kochkünste meine Entscheidung zumindest bekräftigt.

Heirat und Familie

Meinen Vater, Josef Paul Schmidt, wie er katholisch getauft worden war,12 lernte Mutter in der Mitte der „goldenen Zwanziger“ in Breslau kennen. Sie gingen, wie es damals hieß, fünf Jahre miteinander. Seit 1924 waren sie ein anfangs sicher nur befreundetes Paar.13 Erst im harten Winter 1928/29, und zwar zu Mariä Lichtmess, am Sonnabend, dem 2. Februar 1929, heirateten sie in Breslau. Nach der staatlichen14 erfolgte die kirchliche Trauung, auf der Mutter bestanden hatte, und zwar in der katholischen St.Carolus Pfarrkirche, zu deren Gemeinde Mutter als Bewohnerin der Agathstraße gehörte.15 Die Kirche war in den Jahren 1911 bis 1915 in der Charlottenstraße als eine romanische dreischiffige Hallenkirche erbaut worden, nachdem sich die Karl Borromäus geweihte bisherige Kapelle als zu klein erwiesen und sich die Pfarrei schon 1900 von der Sandkirche abgetrennt hatte.16 Zuvor musste das Brautpaar den obligatorischen Brautunterricht bei Pfarrer Dr. theol. et phil. Johannes Schmidt absolvieren, der die Pfarrei 1913 übernommen und sie bis zur Vertreibung in Obhut hatte. Er starb 1947 in Oranienbaum und wurde in Dessau beigesetzt. Von des Pfarrers wichtigstem Ratschlag für eine erfolgreiche Ehe hat Mutter immer wieder mal lachend berichtetet: „Füttere die Bestie gut“ hat er ihr empfohlen. Ihre Flitterwochen verbrachten sie ein paar Tage im schneereichen Riesengebirge mit Wanderungen und abenteuerlichen Schlittenabfahrten, bei denen sie den rasenden Schlitten vergeblich abzustoppen versuchte und dabei Vaters Bemühungen um eine ungefährliche Abfahrt

permanent behinderte.

Über die Jahre davor hat Mutter kaum etwas erzählt. Die umfangreiche Korrespondenz, mit der Vater fünf Jahre lang um sie warb und die darüber sicher gute Auskunft gegeben hätte, hat Mutter, die keinem einen Einblick in ihr Privatleben gestatten wollte, bereits in den vierziger Jahren in Auras vernichtet, wie sie es später leider auch mit den Gefängnisbriefen Vaters von 1942/43 tat. Angelacht hatte sie sich einen Elektromeister, der in seinem Beruf allerdings keine Anstellung finden konnte. Er hatte sich deshalb auch als Selbständiger versucht, wollte in das Geschäft mit dem neuen Medium Radio einsteigen und scheiterte. Übrig geblieben waren davon einige Radioersatzteile auf dem Boden, die mir dann als Spielzeug dienten. Bei der Insolvenz musste er Offenbarungseid leisten. Als meine Eltern 1929/30 gemeinsam ein Handelsgeschäft aufmachten, erfolgte dies deshalb unter dem Namen meiner Mutter. Eine gute Partie, die künftig ein sorgloses Leben gewährleistet hätte, war also Vater gerade nicht.

Und auch sonst schien der Mann, der hartnäckig um ihre Sympathie und Liebe warb, für die gläubige Katholikin wahrscheinlich nicht ganz der Richtige zu sein. Kirchenfromm war er, obwohl auch katholisch getauft, längst nicht mehr. Hingegen war Vaters Mutter glücklich, dass ihr einziger Sohn, in diesem Punkt eher ein Außenseiter, ein weißer Rabe, eine praktizierende Katholikin zur Frau nahm; denn sie erhoffte sich dadurch eine Rückkehr des verlornen Sohnes zur Una Sancta Catholica. Und politisch stand Vater dem Zentrum, der politischen Partei des deutschen Katholizismus, seit langem mehr als fern. Seit den Erfahrungen in der Novemberrevolution engagierte er sich ganz links im Parteienspektrums, war Kommunist geworden und wurde hin und wieder von der Polizei wegen, sicher bisweilen auch illegaler politischer Betätigung, gesucht. Aber all das hat Mutter nicht abgehalten, die zunächst sicher ganz lockeren Beziehungen aufrecht zu erhalten und ihm auch beizustehen. Dass sie in diesem Kontakt politisch selbst nach links zu tendieren begann und schließlich - nach der Definition des Vater - zur „religiösen Sozialistin“ wurde, kann ich nach Mutters Erzählung nur an einem Beispiel belegen. Vater nahm sie in den ersten bedeutenden sowjetischen Film jener Zeit mit. Es war Eisensteins berühmtes klassisches Filmwerk „Panzerkreuzer Potjomkin“ aus den zwanziger Jahren, das auch meine Mutter tief beeindruckt hat. Mehrmals hat sie mir davon erzählt. Ihrem Glauben blieb Mutter gleichwohl bis zuletzt treu, doch hatte sie ein ganz elementares, volkstümliches Verhältnis zur Religion, das den klerikal-hierarchischen Strukturen der Kirche keine sonderlichen Sympathien entgegenbrachte. Ihre scharfe Distanz zu dem nazifreundlichen Pius XII.17 wie dem ebenso naziverständigen Breslauer Kardinal Bertram, dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz bis 1945,18 war vor allem politisch antifaschistisch motiviert. Von ihr hörte ich aber schon in Kindestagen auch die ziemlich respektlose Bemerkung über den Zölibat: „Also hat Gott die Welt geliebt und der Pfarrer seine Köchin“. Andererseits: Vaters Überlegung gegen Ende der zwanziger Jahre, als Facharbeiter eventuell in die Sowjetunion zu gehen, hat Mutter mit Sicherheit sofort verworfen, womit sich die Sache erledigt hatte.

Was letztlich den Ausschlag für die Heirat gegeben hat, habe ich nicht erfahren. Eine Versorgungsinstitution wurde die Ehe für Mutter auf jeden Fall nicht. Sie hat mir später wiederholt erzählt, dass sie das natürlich wusste, aber Vater ihr gegenüber diese Sicht auf das Institut einer modernen Ehe auch stets bekräftigt habe. Als sie dann seit Mitte der fünfziger Jahre als Opfer des Faschismus (OdF) eine gute Hinterbliebenenrente erhielt, hat sie des öfteren geäußert, dass es nun leider ganz anders gekommen sei und die Ehe mit Vater sich doch als Versorgungsinstitut erwiesen und ihr ein sorgenfreies Alter verschafft habe. In die Ehe brachte bei den Schmidts nicht der Mann das sogenannte Brautgeschenk ein, sondern lieferte die Braut den finanziellen Grundstock für das geplante bescheidene Handelsgeschäft, von dem die Familie ihren Lebensunterhalt fortan bestreiten wollte. Von den von Klara in einem Jahrzehnt zusammengesparten rund 1000 RM wurde ein motorisiertes Dreirad, ein sogenannter Goliath, gekauft, der fortan dazu diente, auf den Dörfern landwirtschaftliche Produkte aufzukaufen und sie dann an Kunden in Breslau zu verkaufen. Von der spärlichen Handelsspanne musste gelebt werden. Das Gefährt tat seinen Dienst bis 1937/38, als Vater Arbeit bei der AEG in Breslau erhielt. Danach war es abgemeldet und wurde zum begehrten Spielzeug von uns Jungs auf dem Hof.

Als Mutter nach gut einem Jahrzehnt wegen der Heirat aus ihrer Stellung als Hausangestellte ausschied, bedauerten es die Wolffs außerordentlich. Meine Eltern hielten die Beziehungen zu ihnen aber aufrecht, bis die alten Wolffs unmittelbar nach der so genannten Kristallnacht im November 1938 Deutschland verließen und nach Palästina übersiedelten. Die beiden Söhne waren von den Eltern, die es sich als wohlhabende Leute leisten konnten, schon bald nach 1933 ins Ausland geschickt worden, um in London zu studieren. Einer war inzwischen Arzt in Palästina geworden, zu dem die Eltern nun zogen. Den letzten Kontakt zu ihnen hatte Mutter im Jahre 1949 oder 1950, als sie für ihren Rentenantrag Dokumente über ihre Tätigkeit als Hausangestellte bei den Wolffs benötigte. Ich weiß nicht mehr, woher sie die Anschrift in Palästina hatte, ob sie diese vielleicht seit den dreißiger Jahren im Gedächtnis bewahrt oder aufgezeichnet hatte. Jedenfalls erhielt sie nur wenige Wochen nach ihrem Brief eine überaus freundliche Antwort aus Israel mit allen benötigten Angaben für die Rente. Leider hat Mutter dieses Schreiben der Wolffs nicht kopiert, bevor sie es in der Rentenstelle abgab. Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass meine Einstellung zu Mitbürgern jüdischer Herkunft durch die Erfahrungen und Erzählungen meiner Mutter nachhaltig geprägt wurde; ganz abgesehen davon, dass die antifaschistische Haltung meiner Eltern eine feindliche Haltung gegenüber Juden ohnehin nicht zuließ.

 

Von der Siedlung von Protsch-Weide nach Auras an der Oder

 

Bei ihrer Vorliebe für das Landleben war es Mutter sicher nur recht, als meine Eltern gleich nach der Hochzeit 1929 die Metropole Breslau verließen. Das junge Paar ließ sich zunächst in einer Siedlung unweit der Stadt, in der 1922 gebildeten Landgemeinde Protsch-Weide, im Kreis Breslau nieder, wo ich 1930 geboren und in der dortigen katholischen Kirche getauft wurde. Die Ortschaft, 1937 in Weide umbenannt (Wrocław-Wydawa), durchfließt die Weide, ein rechter Nebenfluss der Oder, der etwa 10 km weiter kurz hinter Weidenhof (Wrocław-Swiniary) in die Oder mündet. Protsch-Weide war überdies eine Bahnstation der so genannten „Katzengebirgsbahn“, einer 1888 eröffneten Schmalspurbahn, die von Breslau-Odertor (Wrocław-Naddodrze) nach Trebnitz (Trzebnica) und seit 1898 weiter nach Prausnitz (Prusice) führte. Die Kleinbahn, die in Protsch-Weide von Breslau aus ihren 7. km erreichte, überquerte hier den Süd- und Nordarm der Weide.19 Es war also nur ein Katzensprung vom Breslauer Stadtgebiet entfernt. Heute ist das ganze Gebiet bis Weidenhof in die schlesische Kapitale eingemeindet.

Die Familie zog, da den Eltern die Wohnung hier möglicherweise zu klein war, vor allem aber wohl nicht den Ansprüchen an das neu eröffneten Handels-“Unternehmen“ entsprach, im Frühjahr oder Herbst 1933 nach Auras (Uraz), in eine Kleinstadt an der Oder, rund 20-25 km nördlich der schlesischen Hauptstadt an einem Oderknie gelegen.20 Die Eltern mieteten hier in einer erst während der Weimarer Republik errichteten Siedlung für 30,- RM eine Wohnung in einer dem Breslauer Postbeamten Weiß gehörenden Doppelhaushälfte, zu der ein ausgedehnter Hof, einige kleinere Stallungen mit Heuboden und ein recht ansehnlicher Garten gehörte, in dem Gemüse und Kartoffeln angebaut wurden und auch einige Obstbäume standen. Soweit ich mich zurückerinnern kann, gehörten Federvieh, natürlich Hühner, aber auch Gänse, Enten und sogar Puten, sowie zwei Ziegen von Anfang an zu unserem Haushalt. Gänsehüten war die erste ernstzunehmende Arbeit, die ich etwa seit dem 3. oder 4. Lebensjahr zu verrichten hatte. Gänse waren daher in meiner Kindheit aus gutem Grund die meistgehassten Tiere. Ihr unerträgliches Schnattern, das sofort eintrat, wenn ihr Kropf leer war und sie Hunger verspürten, und meine Mutter zu dem Ruf veranlasste: „Walter, die Gänse“, zwang mich immer wieder, jedwedes Spiel aufzugeben und mit der Gänseschar auf die Weide zu ziehen. Futter für die Tiere ranzuschaffen – Schwarzwurzeln, Brennnesseln, Disteln oder bestimmte Graspflanzen – , oder Kleie aus der Mühle zu holen bzw. Kartoffeln als Wintervorrat für Mensch und Vieh zu stoppeln, das gehörte zu meinen Obliegenheiten, nachdem ich größer geworden war. Bei uns wurde von Anfang an bescheidene Klein-Landwirtschaft betrieben. Die Viehzucht diente nicht nur und nicht einmal in erster Linie der Eigenversorgung, sondern half vor allem die Finanzsituation der stets in Geldsorgen steckenden Händler-Familie etwas aufzubessern. Der Verkauf der Gänse in der Vorweihnachtszeit etwa hat die im Laufe des Jahres aufgestaute Schuldenlast wesentlich abgebaut. In seinem Brief zu meinem 13. Geburtstag aus der Breslauer Untersuchungshaft schrieb mir Vater nicht zufällig: „Bei dem reichen Segen im Stall wird ja die Muttel viel Futter brauchen. Da musst Du Dich eben öfter mal aufs Rad schwingen und ranholen. Du weißt ja. Muttel muß das Vieh halten; denn sie braucht das Geld. Wenn ich wieder zu Haus bin, dann schaff ich wieder fest ran.“

 

Eine temperamentvolle und selbstbewusste schlichte Schönheit

 

Meine Mutter war - verglichen mit Vater, der über 1,80 maß, - eine doch eher kleine Persönlichkeit, um 1,60 groß, eher darunter. In ihrer Jugend und in den ersten Ehejahren war sie eine schlanke, später etwas kräftigere Frau, die schlichte Schönheit ausstrahlte und trotz allen Ernstes, den sie nie leugnete, von Natur aus fröhlich. Sie konnte sich freuen und lachen wie sonst selten einer. Es war schon verständlich, dass Vater einen Blick auf sie geworfen hatte und an ihr über Jahre hinweg festhielt und sie dann auch für die Ehe gewann. Das schwere Leben in Krieg und Nachkrieg, auch die strenge Erziehung im Elternhaus, dann die Arbeit als Haushälterin hatten sie zu einer charakterstarken Persönlichkeit reifen lassen, die sich nicht so schnell aus der Bahn werfen ließ. Durch ihre Offenheit, ihr Verständnis und ihre natürliche Herzensgüte erwarb sie ebenso Sympathie, wie man ihr wegen ihrer Zuverlässigkeit, Entschiedenheit und Entschlossenheit, wegen ihres Engagements, ja auch aufgrund ihrer Strenge sich selbst wie anderen gegenüber Achtung entgegenbrachte. Sie war selbstbewusst, häufig ernst, in der Ehe eine durchweg gleichberechtigte Partnerin. Sie konnte arbeiten bis zum Umfallen und hat mich durch ihr Vorbild vor allem strenge Arbeitsdisziplin gelehrt und mir solche als Selbstverständlichkeit auch tagtäglich abverlangt. Zugleich war sie sehr sensibel, manchmal auch schwermütig, was in den wenigen Briefen Vaters immer etwas durchscheint. Sie litt mit jenen, die Leiden zu ertragen hatten; doch war sie nie larmoyant, ließ sich selbst im größten Schmerz nie gehen, sondern vermochte sich von solchen Stimmungen rational wieder zu lösen und dafür zu sorgen, das alles Lebenswichtige gemacht wurde.

Meine Mutter war ihrem Charakter nach eine echte Oberschlesierin. Sie war resolut und besaß eine bewunderungswürdige Durchsetzungsfähigkeit. Und sie hatte ein ausgesprochen starkes Temperament, war sehr impulsiv und leicht aufbrausend und konnte auch mal kurzfristig übers Ziel hinausschießen. Wenn sie wütend war, sich über irgendetwas fürchterlich aufregte, konnte sie gar jähzornig werden. Ein einziges Mal erlebte ich, dass Mutter mit Vater hart aneinander geriet. Obwohl an allem gespart werden musste, hatte sie immer Verständnis dafür, dass Vater regelmäßig Zeitungen, aber hin und wieder auch Bücher kaufte und mitbrachte. Da ging es um wichtige Bildungselemente, die wir alle brauchten, woraus gerade ich Nutzen zog. Doch als er ihr eines Tages beichten musste, dass er 50 RM verloren hat, da verlor sie alle Contenance und schlug sogar kurz auf Vater ein, der sie natürlich einfach gewähren ließ. Aber ihr Zorn und ihre Aufregung waren nie von langer Dauer. In der Regel beruhigte sie sich sehr schnell, wenn sich die Dinge zu klären begannen oder sie näher darüber nachgedacht hatte. Und sie war eins nie: nachtragend. In einem kleinen Geburtstagsgedicht aus dem Jahre 1941 nahm Vater mit einer Zeile auf ihre Spontaneität und ihr Temperament Bezug:

 

Ich werd aufmerksamer sein gegen Dich

Du wirst Dein Temperament zügeln gegen mich.

Dann wird es gehen. Das Leben ist ja so schön,

Wenn zwei zusammen stehn,

Die zusammenhielten in dick und dünn.

Ja Mädel schlag Dir alle Grillen aus dem Sinn.

Für mich bist Du immer noch die Beste.“

 

Ich selbst habe viel von ihren „oberschlesischen“ temperamentvollen Charakterzügen mitbekommen. Zugleich war Mutter aber auch sehr einfühlsam, emotional und feinfühlig. Sie hat gern und bisweilen mit Inbrunst mit heller klarer Stimme gesungen, nicht nur in der Kirche, sondern auch zu Hause, da aber oft traurige, wehmütige Lieder. Im Vorschulalter hat sie mich oft auf den Schoß genommen, wenn wir abends auf Vater warteten, der mit dem Auto, dem dreirädrigen Goliath, unterwegs war, und sie hat dabei gesungen. Sie wollte mich, wie sie mir erklärte, dadurch wach halten, um nicht allein warten zu müssen, erreichte aber durchweg das Gegenteil. Ich schlief von ihrem Gesang rasch ein und sie musste mich schlafend zu Bett bringen.

Von mir verlangte sie von Kindheit an natürlich Gehorsam und mit zunehmendem Alter fleißiges Mittun in Haushalt und Hof. Dass nebenbei die Schularbeit ordentlich erledigt werden musste betrachtete sie als eine Selbstverständlichkeit, über die nicht geredet werden musste. An eine Kontrolle meiner Schulverpflichtungen kann ich mich nicht erinnern. Lediglich einmal ist sie buchstäblich ausgerastet; das geschah aber auch in einer außergewöhnlichen Situation, als ich mit dem ersten Zeugnis von der Breslauer Privatschule kurz vor Weihnachten 1942 in Latein eine Fünf, die zweischlechteste Note, nach Hause brachte. Und das drei Monate, nachdem Vater verhaftet worden war. Da bekam ich umgehend den Wischhader, den sie gerade bei der Säuberung der Waschküche in der Hand hatte, um die Ohren.

Die Erziehung lag, da Vater selten zu Hause war, ausschließlich in ihrer Hand. Sie war sicher streng und zögerte auch nicht mit körperlicher Strafe, wenn es ihr notwendig erschien. Und Gelegenheit habe ich dafür ebenso sicher häufig genug gegeben. Nur kam ich schnell dahinter, dass ich einer Bestrafung entgehen konnte, wenn ich mich solcher durch Flucht entzog und nach einiger Zeit, wenn der momentane Ärger und die Wut verraucht waren, reumütig und folgsam zurückkam. Dann lief alles normal weiter. Denn wirklich strafen konnte Mutter nur im Affekt, in der Emotion, wenn sie extrem wütend war. Eine rationell-kalte Bestrafung war ihr zutiefst fremd, ja zuwider. Sie vermochte rasch zu vergessen und zu vergeben. Als ich einmal gefragt wurde, was ich an meiner Mutter am meisten mochte, nannte ich ihre Emotionalität, ihr Temperament und ihre gleichzeitige Inkonsequenz; mit letzterem meinte ich ihre Fähigkeit, rasch zu verzeihen, auf einer einmal gedachten Strafe nicht zu bestehen, sondern sich statt dessen zu versöhnen und rasch wieder zur Tagesordnung überzugehen.

 

Handelsfrau und Gutsarbeiterin

 

Das knappe Jahrzehnt von 1929 bis 1938, als meine Eltern das mühselige Handelsgeschäft mit landwirtschaftlichen Produkten betrieben, verlangte meiner Mutter alles ab. Der Aufkauf lag zwar ganz in der Hand von Vater, wofür er mit dem Dreirad über die Dörfer fuhr; doch der Verkauf in Breslau, bei dem den Kunden die Ware bis zur Wohnungstür gebracht wurde, war zwar nicht allein, aber vornehmlich doch die Aufgabe meiner Mutter; und das bedeutete mindestens zweimal in der Woche ein ständiges Trepp-auf und Trepp-ab mit dem schweren Warenkorb. Erst nachdem Vater 1938 wieder Arbeit bei der AEG in Breslau in seinem Beruf als Elektromonteur bekommen hatte, hörte für Mutter diese Schinderei auf. Doch an ihre Stelle trat neben der tagtäglichen arbeitsintensiven Versorgung des zahlreichen Viehzeugs und der Gartenarbeit daheim nun die Anstellung als Landarbeiterin auf dem Dominium. Fortan stand sie während der Kriegsjahre für 22 Pfg. Stundenlohn Tag für Tag auf den Feldern. Oft holte ich sie, der selbst Fahrradfahren zu lernen nicht gelungen war, abends mit dem Fahrrad vom Feld ab und sie setzte sich dabei auf den Gepäckträger. Aber meist liefen wir beide vor allem im Herbst die Strecke nach Hause zu Fuß. Denn auf dem Fahrrad lag da der Korb Kartoffeln oder Rüben, der den Landarbeitern pro Woche als Deputat zustand. Dass wir es bisweilen nicht bei nur einem dieser Transporte in der Woche beließen, gehörte zu den Gewohnheitsrechten, die sich die Landarbeiter schlicht nahmen.

 

Verhaftung und Tod von Vater

 

Besonders kompliziert wurde unsere Lage, nachdem Vater am 22. September 1942 verhaftet worden war und sein ohnehin nicht üppiger Wochenlohn, der nur durch die sogenannte Auslöse etwas aufgebessert wurde, nun gänzlich ausfiel. Hinzu kam, dass ich gerade drei Wochen vorher, um der Entsendung auf eine Napola zu entgehen, den Besuch einer Privatschule in Breslau aufgenommen hatte, was monatlich die Aufwendung einer zusätzlichen Miete, also von 30 RM erforderte. Wie Mutter damals mit der finanziellen Notlage zurechtkam weiß ich nicht. Erlebt habe ich indes, dass Bekannte in unserem Städtchen und auch ganz fremde Personen, sicher Freunde und Genossen von Vater, mir in Breslau hin und wieder Geld zusteckten, und wir so immer wieder Beistand und Solidarität spürten. So auch von unserem Nachbarn, dem Tischlermeister Fritz Kipke, einem alten SPD-Mitglied, mit dem Vater wiederholt am gemeinsamen Gartenzaun lebhafte politische Diskussionen geführt hatte. Von diesem Nachbarn kamen monatlich 5 RM. Mutter hat jedenfalls alles eingesetzt, um den Weiterbesuch der Privatschule zu ermöglichen. Sie sparte jeden Pfennig, um das erforderliche Schulgeld aufzubringen, wie Sparsamkeit generell ein Wesenszug ihres ganzen Lebens war. Wie fanatische Nazis im Ort über uns dachten und ob sie uns eventuell stigmatisierten, weiß ich nicht, da wir zu ihnen ohnehin keinen Kontakt hatten. Die Mehrheit unserer Nachbarn und Bekannten im Ort empfanden hingegen eher Mitleid und ließen uns das insgeheim auch wissen.

Mutter stand jetzt fest zu ihrem Mann und blieb ihrer klaren die Nazis ablehnenden, ja –feindlichen Haltung treu. Die Gestapobeamten hatten bei ihrer Haussuchung unmittelbar nach Vaters Verhaftung Ende September 1942 meiner Mutter zwei Angebote zu machen. Sie empfahlen ihr erstens, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, was ihre Lage sofort erleichtern würde. Sie hat diese „Empfehlung“ sofort als hundsgemeine Zumutung ebenso entschieden wie heftig abgelehnt. Als zweites versprachen sie ihr, so sie einverstanden wäre, sich umgehend um mich und meine weitere Ausbildung zu kümmern und alles dafür Notwendige zu übernehmen und auf den Weg zu bringen. Nach dem gerade abgewiesenen Versuch des Hauptlehrers und örtlichen Parteioberen, mich auf eine Napola zu schicken, hatte Mutter keinen Zweifel, dass man nun erneut darauf aus war, mich auf einen solchen Startplatz für eine Nazi-Karriere zu bringen. Das kam für sie nun noch weniger in Frage. Sie erklärte ihnen daraufhin entschieden, ganz offen und ziemlich barsch: Den Mann habt ihr mir genommen; den Sohn bekommt ihr nicht. Damit war auch dieses Thema für sie abgeschlossen.

Mir selbst schlug Ablehnung oder Distanz von meinen einstigen Mitschülern im Ort nach Vaters Verhaftung nie entgegen. Zwar lockerten sich die Kontakte zu den meisten Mitschülern aus der Volksschule, nachdem ich im September 1942 nach Breslau auf die „hohe Schule“ ging, dafür aber wurden sie enger zu denen, mit denen ich jeden Tag gemeinsam nach Breslau fuhr, den Auraser so genannten Fahrschülern, die ebenfalls weiterführende Schulen in Breslau besuchten; unter ihnen der Kaufmannssohn Paul Urbanski, der Töpferfilius Erwin Probst und der Sohn des Pastors Eberhard Halm. Lediglich ein Fähnleinführer, der aus einem anderen Ort stammte und uns vor die Nase gesetzt worden war, ließ mich im Sommer 1943 seine Aversion deutlich spüren. Aber es war möglicherweise eher sein Unmut als Befehlshaber darüber, dass ich den sogenannten Dienst an den Mittwochs wiederholt schwänzte, als das Wissen, dass es sich dabei um einen handelte, dessen Vater als Politischer im Gefängnis saß. Nicht vergessen habe ich ihm gleichwohl, dass er mich, nachdem er mich wieder einmal in den Dienst holen ließ, vor versammeltem Fähnlein verprügelte und ich im Bewusstsein nicht zurückschlug, dass dies für mich und Mutter schlimme Folgen haben, sie dann ganz allein bleiben könnte. Mit ehemaligen Fähnleinführern, die sich nach 1945, durch die Erfahrungen im Faschismus belehrt, nicht selten als fähige Leute und völlig zu recht in die antifaschistische Jugendarbeit einbrachten, wollte ich daher nach Kriegsende nichts zu tun haben. Das hat meinen Eintritt in die FDJ um fast zwei Jahre verzögert.

Selbstverständlich hat Mutter jede der monatlichen Erlaubnisse, Vater in der Haft zu besuchen, genutzt, fuhr erst nach Breslau in die Untersuchungshaftanstalt in der Freiburgerstraße 1 und zuletzt nach Glatz ins Gefängnis. Ich selbst durfte nicht mit; denn der Besuch von Kindern war untersagt. Sie hat dabei, freilich meist erfolglos, versucht, dem Häftling was Nahrhaftes zu übergeben. Ein großer Tag war für uns, wenn einer der erlaubten monatlichen Briefe von Vater eintraf, die Mutter sicher alle auch ausführlich beantwortete. Vaters Gefängnisbriefe hat sie alle sorgfältig aufbewahrt und auch gut über unsere Aussiedlung aus Schlesien gebracht, aber leider später, offenbar in den letzten Jahren, als sich zeitweilig Anfänge von Verwirrung bemerkbar machten, vernichtet, auch den Abschiedsbrief, den er zwei Stunden vor seiner Hinrichtung verfasst hat. Erhalten geblieben sind nur der Brief zu meinem 13. Geburtstag, sowie der mit einem Gedicht zu Mutters 43. Geburtstag, die ich beide vorher an mich genommen hatte. Aus diesen Versen des Gedichts, in denen Politisches wegen der Zensur selbstverständlich unterbleiben musste, spricht die große Liebe meiner Eltern und die unbändige Sehnsucht Vaters nach Freiheit und Heimkehr in die Familie:

 

Zum 30 Juli 1943

 

An diesem Tage möchte ich heimwärts schreiten

Ins stille Stübchen zu Dir rein;

Und nichts als Freuden möcht ich Dir bereiten

Nach all den Qualen, all der Pein

 

Möchte streicheln all die leidgebleichten Strähnen

In Deinem einst so dunklen Haar;
Und trocknen all die tausend Tropfen Tränen.

Die Du um mich geweint dies Jahr.

 

Und streicheln möchte ich auch die schmalen Wangen

Die einst so voll, die einst so rund;

Und küssen würd’ ich all die Sorgenbangen

Von Deinem wehumzuckten Mund.

 

Und Blumen müssten alles das noch sagen,

Was Worten fehlen würd’ an Klang.

Für das, was Du in diesem Jahr ertragen,

Wär’s freilich nur ein kleiner Dank.

 

Doch darf ich nicht mit Blumen, noch mit Küssen

Ins stille Stübchen zu Dir hin.

Von all dem bitteren Verzichtenmüssen

Weiß Gott allein nur Zweck und Sinn.

 

Geschrieben hat Vater das Gedicht in Glatz, wohin er nach einem an sich hoffnungsvollen Urteil des Breslauer Oberlandesgerichts vom 24. Mai 1943 verlegt worden war und in einer Sägefabrik arbeiten musste. Mutter war zu dem Prozess nach Breslau gefahren, von dessen Stattfinden sie zwar erfuhr, an dem sie aber nicht teilnehmen durfte. Doch hatte sie die Möglichkeit, danach kurz mit ihm zu sprechen. Vater war wegen „Heimtücke“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. „Das sitze ich nicht ab“ war seine erste Reaktion darauf, wie mir Mutter berichtete, als sie am späten Abend eigentlich recht froh nach Hause kam. Vater ging davon aus, dass sich das faschistische Regime nach der katastrophalen Niederlage von Stalingrad zu Beginn des Jahres 1943 sich keine drei Jahre mehr halten würde.

Ende August oder Anfang September 1943 hat Mutter ihn noch in Glatz besucht. Da wussten wir noch nicht, dass der berüchtigte Berliner Volksgerichtshof unter Roland Freisler mit dem für die Überprüfungen von Gerichtsurteilen zuständigen Oberreichsanwalt Ernst Lautz inzwischen Einspruch gegen das Breslauer Urteil erhoben und am 24. September in einer Anklageschrift ein Todesurteil wegen Wehrkraftzersetzung beantragt hatte.21 Erst nach der Verurteilung am 15. Oktober machte uns ein nicht erhalten gebliebener Brief von Vater in der letzten Oktoberdekade aus dem Gefängnis in Berlin-Plötzensee klar, dass unheilvolle Veränderungen eingetreten waren und wir uns an seinen Pflichtverteidiger, den Rechtsanwalt Hercher in Berlin wegen wichtiger Nachrichten wenden sollten. Auf Mutters Schreiben hin erfuhren wir erst am 3. November von diesem, dass Vater zum Tode verurteilt worden sei und für ein Gnadengesuch kaum Erfolgschancen bestünden. Mutter reiste dennoch wenige Tage darauf nach Berlin, um ein Gnadengesuch einzureichen und noch eine Besuchserlaubnis zu erlangen. Doch als sie im Volksgerichtshof um den 10. November herum vorsprach, teilte man ihr mit, dass das Urteil am 8. November bereits vollstreckt worden sei. In seinem Abschiedsbrief vom 8. November 1943 hat Vater - nach meiner Erinnerung - erklärt, dass er sein Leben für die deutsche Jugend eingesetzt habe, und Mutter versichert: Er habe zwar kein leichtes Leben gehabt, aber die Jahre mit ihr seien die schönsten seines Lebens gewesen.

Unvergessen blieb mir die Situation, als ich am Nachmittag eines tristen Novembertages 1943 aus der Schule nach Hause kam. Da wusste ich zwar schon von Vaters Todesurteil, aber nun musste mir Mutter, die gerade von ihrer Reise nach Berlin zurückgekehrt war, sagen, dass Vater nicht mehr lebt und wir nun ganz allein wären. Sie stand selbst immer noch unter dem Schock dieser niederschmetternden Nachricht, die sie in Berlin erfahren hatte. Ich war wie versteinert, als sie mir Vaters Tod mitteilte. Ich umarmte sie bloß und hatte in diesem Moment für sie als Trost nur den einen ziemlich hilflosen Satz: „Aber ich hab ja Dich noch“. Ich weiß nicht mehr, wie sie darauf reagierte. Aber Mutter hat dieser Satz dennoch, glaube ich, ein wenig aus der Bitternis und Verzweiflung und schließlich auch aus der Trauer gerissen. Sie wusste natürlich um ihre Verantwortung für mich; sie kannte Vaters Wunsch, dass aus mir was werden, ich eine Ausbildung zum Lehrer erhalten sollte. Nun waren Mutter und ich beide mehr denn je zuvor aufeinander angewiesen; vor allem ich brauchte Mutters Fürsorge. Sie hat fortan alles getan, um mein Fortkommen zu gewährleisten. Sie nahm darum drei Jahre später auch die Übersiedlung aus Schlesien ins unbekannte Thüringen auf sich, was sie selbst, da polnisch ja ihre Muttersprache war und ihre Verwandten nach wie vor im nun polnischen Oberschlesien lebten, sonst mit Sicherheit vermieden hätte. Wie sie anfangs die Haft und dann vor allem den Tod von Vater überstanden hat, worunter sie furchtbar litt, und wie sie sich in erster Linie meinetwegen aufs Weiterleben, auf die Bewältigung der immer größer werdenden Alltagssorgen orientierte, das war für mich Dreizehnjährigen damals zwar etwas Selbstverständliches. Im Rückblick mutet es mir jedoch fast wie ein Wunder an. Von Schwermut war da bei Mutter bald nichts mehr zu spüren. Sie wollte sich auch nach diesem furchtbaren Schicksalsschlag einfach nicht unterkriegen lassen. Einen Psychotherapeuten hatte sie nicht, wahrscheinlich war ihr gar nicht bewusst, dass es solche Leute, die heute gang und gäbe sind, gab. Und sie brauchte ihn auch nicht. Sie wusste mit sich selbst zurechtkommen und schaffte dies auch.

 

Unter der Kriegsfurie (Januar/Februar 1945)

 

Im Januar 1945 kamen Ereignisse auf uns zu, die Mutter und ich einerseits herbeigesehnt haben, über deren Konsequenzen im einzelnen wir uns indes nicht bewusst waren und auch nicht sein konnten. Am 12. Januar begann die sowjetische Weichsel-Oder-Operation, die sie faschistische Herrschaft rechts der Oder zerschlagen und den Weg nach Berlin öffnen sollte. Die Näherung der Front war schon mit dumpfem Grollen von Geschützfeuer seit Mitte Januar zu spüren. Wir begriffen, dass der Krieg bald über uns hinweg rollen würde. Flüchtlingstrecks aus weiter östlich gelegenen Teilen Schlesiens kündeten es unwiderruflich an. Sich dem anzuschließen kam Mutter allerdings überhaupt nicht in den Sinn. Wir hörten statt dessen jeden Abend BBC London, um zu erfahren, wie weit die Rote Armee inzwischen vorgedrungen sei und hofften, dass unser Städtchen Auras bald erreicht sein würde. Allerdings hatte Mutter mit der Famile Strozyk, die ein Häuschen am nordöstlichsen Ende der Siedlung besaß, abgesprochen, dass wir, sobald Auras zur Front wird, bei ihnen Zuflucht suchen. Denn unser Haus lag zu nahe an der Oder, die Frontlinie würde. Am 27. Januar verließen wir unser Haus; zwei Tage später erhielten wir bei den Strozyks den ersten Besuch sowjetischer Soldaten, der abgesehen vom Verlust der Taschenuhr und der Stiefel von Vater glimpflich verlief. Doch blieb Auras und mithin auch unsere Siedlung für etwa zwei Wochen Frontgebiet und wir erlebten, wie verlassene Häuser, oft ohne Sinn mit Leuchtmunition in Brand geschossen wurden und dabei auch nicht wenige einfache und unschuldige Menschen ums Leben kamen.

Unserem Haus geschah nichts. Von Vergewaltigung, die damals viele Frauen erleiden mussten, blieb Mutter verschont. Nur einmal kam sie in eine gefährliche Lage. Auf ein entsprechendes Angebot eines Offiziers, so erzählte sie mir sofort danach, habe sie ihm in polnisch kurz und knapp geantwortet, dass Stalin so etwas nicht wolle. Daraufhin ließ er von seinem Ansinnen ab. Aus einer sicher gefährlicheren Situation hat Mutter kurz darauf mir das Leben gerettet. Offenbar als Vierzehnjähriger mit meinen 1,80 als Werwolf verdächtigt, nahm mich, eines frühen, noch dunklen Morgens noch im Bett liegend, ein sowjetischer Sicherheitsoffiziers in russisch und gebrochenem deutsch ins Verhör, warum ich nicht geflüchtet sei. Mutter, wie ich und in Todesangst um mich, hat ihm die wenigen Unterlagen über Vaters Verhaftung und Hinrichtung unterbreitet, gemeinsam mit Stanislaus Strozyk auf polnisch auf ihn eingeredet und so meine Unschuld zu beteuern gewusst. Der Offizier zeigte sich von diesen Aussagen überzeugt, strich mir zum Abschied über den Kopf und verließ das Haus.

Erst Mitte Februar, als die linke Seite der Oder durch die Rote Armee aufgerollt worden war und Auras kein Frontgebiet mehr war, beruhigte sich die Situation etwas. Während ich zu diesem Zeitpunkt von der sowjetischen Kommandantur zur Arbeit verpflichtet wurde und erstmals wieder in die Stadt kam, blieb Mutter davon zunächst verschont. Erst als im März das neu eingerichtete Lazarett, für das faktisch die ganze Siedlung und damit auch das Haus, in dem wir seit 1933 wohnten, beschlagnahmt wurde, zu arbeiten begann, wurde Mutter von der Lazarettverwaltung zur Arbeit herangezogen.

 

Im sowjetischen Lazarett und unter polnischer Verwaltung

 

Seitdem arbeitete Mutter unter der sowjetischen Besatzung im gleichen Lazarett in unserem Ort, in dem auch ich schon seit Februar mein Brot als Hilfsarbeiter bei der Einrichtung des Militärhospitals, dann als Krankenträger und schließlich seit April als Schmiede- und Schlosser-Hilfsarbeiter verdiente. Sie wurde als Wäscherin angestellt und hatte die ausschließliche Aufgabe, nur die Kittel der Ärzte und Krankenschwestern zu waschen und zu bügeln, womit sie Tag für Tag voll beschäftigt war. Zwar gab es dafür keinen Lohn, aber sie hatte wie auch ich ihre Mahlzeiten, und konnte, da es in der Lazarettküche meist ein Überangebot an Essen gab, trotz des allerdings kaum praktizierten Verbots auch andere Familien, bei denen wir untergekommen waren, mitversorgen. In ihrer Arbeit hatte sie bei den Sowjets gewissermaßen als eine Vertrauensstellung, die sie zur vollen Zufriedenheit der Lazarettleitung und mit deren hoher Anerkennung ausfüllte. In diese Zeit fiel ihr 50. Geburttag, der nicht unbeachtet vorübergehen durfte. Auf Geschenke musste, soweit ich mich erinnere, verständlicherweise verzichtet werden. Aber am Abend des 30. Juli gab es nach der Arbeit doch eine kleine Feier im Garten von Strozyks, bei der Mutter einen echten schlesischen Streuselkuchen auf den Tisch brachte. Er war, da Hefe nicht zur Verfügung stand, schlicht und ergreifend mit Sauerteig gebacken worden und schmeckte vorzüglich. Die Arbeit als Wäscherin endete erst mit der Auflösung des Lazaretts und dem Abzug des sowjetischen Personals etwa Ende September 1945.

Damit wurde aber auch das Haus an der Breslauer Straße, in dem wir bis Ende Januar 1945 gewohnt hatten wieder frei. Wir zogen selbstverständlich aus dem Asyl, das uns Strozyks in ihrem kleinen Häuschen weit ab von der Straße gegeben hatten, in unser altes Domizil und richteten uns leidlich wieder ein. Mutter hielt wieder einiges Federvieh und eine Ziege und bearbeitete den zum Haus gehörenden Gemüsegarten, der das Allernötigste zum Lebensunterhalt lieferte.

Unser Leben in den folgenden Monaten vollzog sich unter neuen Bedingungen. Nach dem Abzug der sowjetischen Einheiten, unter deren Schutz wir bisher gearbeitet und gelebt hatten, und der Machtübernahme im Ort durch eine polnische Verwaltung entstanden neue Probleme. Differenzen mit der neuen polnischen Ortsverwaltung, die sich im evangelischen Gemeindehaus am Ring unter der Leitung des Bürgermeisters Dombrowski niedergelassen hatte, gab es nicht. Wir nahmen von uns aus meines Wissens aber auch keinen Kontakt zur Bürgermeisterei auf. Diese hatte ihrerseits – so zumindest mein Eindruck - nicht viel im Sinn mit - im Grunde ja deutsch assimilierten, sogenannten - polnischen Autochthonen in Schlesien wie meiner Mutter. Ich glaube nicht, dass man ihr das Angebot gemacht hat, für Polen zu optieren; wäre es geschehen hätte, sie es mir gewiss gesagt. Und sie selbst ist in dieser Hinsicht bestimmt nicht aktiv geworden. Gleichwohl wäre meine Mutter, hätte es mich nicht gegeben, wohl lieber in Schlesien, das nun mal ihre Heimat war, geblieben. Übrigens meinen Vorwurf von 1945/46, warum sie mir nicht etwas polnisch beigebracht hat, das ich 1945/46 bei meiner Arbeit in der polnischen Mühle gut hätte gebrauchen können, konterte sie mit der Gegenfrage, wie ich mir das angesichts der faschistischen Umwelt denn vorgestellt hätte, in der zumal in einem rein deutschen Gebiet, polnisch zu reden geradezu verboten war. Und da hatte sie natürlich recht. Auch die örtliche Milizstation, die im ehemaligen katholischen Kindergarten saß, ließ uns in Ruhe. Andere Deutsche machten mit dieser Institution böse Erfahrungen, darunter unser Nachbar Fritz Kipke, ein friedfertiger alter Sozialdemokrat, der nicht nur grundlos verhaftet und eingesperrt, sondern in der Haft geschlagen und lebensgefährlich misshandelt wurde. Er verließ nach seiner Freilassung Auras umgehend in Richtung Breslau, um von dort aus nach Deutschland in Sicherheit zu kommen.

Die eigentlichen Probleme entstanden für uns erst und in dem Maße, wie polnische Bürger, nicht selten aus den von der Sowjetunion annektierten ostpolnischen Landesteilen kommend, sich in Auras ansiedelten und so erst Deutsche und Polen, oft als Nachbarn oder gar, wie bei uns gleichen Haus direkt aufeinander trafen. Da wurde zunehmend klar, dass wir als Deutsche faktisch in einen Wartestand geraten, zu einem Hemmnis für einwandernde Polen geworden waren. Spätestens seit der Jahreswende 1945/46 mussten wir mit der Ausweisung rechnen. Richtig zu Hause konnte man sich da nicht mehr fühlen. Zwar spürten wir keine direkte Bedrängung durch die neuen polnischen Ortsbehörden. Dafür aber machten uns mehrfache nächtliche Überfälle durch plündernde Gruppen oder Banden zu schaffen, die sich nicht selten des Russischen bedienten, um von der tatsächlichen Herkunft abzulenken und den Sowjets die Untat in die Schuhe schieben zu können. Dabei verfielen sie bisweilen doch ins Polnische, was meiner Mutter nie entging. Dagegen gab es keine Hilfe, auch nicht von der Ortsmiliz, über deren politische Zusammensetzung ohnehin keine Klarheit bestand. Bei diesen nächtlichen Überfällen konnte man sich nicht immer des Lebens sicher sein. Man wurde aus dem Schlaf getrommelt, unter der Androhung, die Türen aufzubrechen, zu deren Öffnung gezwungen, dann ins Obergeschoss getrieben, damit die Wohnung ungestört auf Brauchbares durchforscht werden konnte. Mitgenommen wurde alles, was wertvoll und verkaufbar schien. Da kam es denn schon vor, dass uns, wie Mutter später nicht ohne Schmunzeln zu erzählen wusste, nach einem solchen nächtlichen Besuch beim Mittagessen plötzlich sämtliche Löffel zur Suppe fehlten und wir bei den Nachbarn erst um zwei der Essgeräte bitten mussten. Man konnte sich, was sicher übertrieben ist, geradezu wie in einem rechtsfreien Raum fühlen.

Soweit ich mich zu erinnern vermag, hat Mutter in dieser Zeit nicht irgendwo im Ort - wie andere - Arbeit bei einem Polen gefunden, bei der man etwas hätte verdienen können. Da hatte ich als junger Kerl von 15 Jahren mehr Glück, wurde nun erstmals zum Ernährer. Nach der Auflösung des Lazaretts der Roten Armee bekam ich nicht zuletzt durch die Vermittlung der Frau des früheren deutschen Mühlenbesitzers Landeck, die jetzt mit Janek, der zuvor als polnischer Hilfsarbeiter in der Mühle gearbeitet hatte, zusammenlebte, eine Tätigkeit zunächst als Hausknecht, der Heizung für den Winter zu bevorraten hatte. Kurz darauf avancierte ich zueinem stolzen Müllerburschen. Bei solchem Angebot gab’s kein langes Nachdenken, denn als Wochenlohn stand ein Säckchen Mehl von etwa 2-4 kg in Aussicht. Im Oktober 1945 nahm ich die Arbeit als Holzhacker auf; seit November stand ich, von Janek in einem Kurzverfahren ins Müllerhandwerk eingeführt, in der Mühle und hatte gemeinsam zunächst mit meinem Schulfreund Alfons Nagel und später mit Manfred Fiege aus Korn Mehl zu mahlen oder Schrot zu machen. Damit war unser Lebensunterhalt weitgehend gesichert. Brot gebacken hat Mutter in einem selbstgebauten Ofen im Garten, an dessen Erbauer ich mich nicht mehr erinnern kann. Es könnte sein, dass er schon zu Lazarettzeiten noch von sowjetischen Soldaten errichtet worden war. Er leistete uns nun auf jeden Fall verlässliche Dienste. Hunger hatten wir angesichts der Versorgung mit Mehl, das nicht selten auch als Zahlungsmittel herhalten musste, und mit Brot, das hier und da auch in Solidarität für andere da war, nicht zu ertragen.

Die Führung des Haushalts, zu dem in meiner Erinnerung auch ein ältere Frau aus dem Rheinland gehörte, die nach Verlust ihrer Wohnung durch den Bombenkrieg nach Schlesien evakuiert worden und bei uns gelandet war, lag natürlich ganz in Mutters energischer Hand. Unverändert hielt Mutter natürlich am gemeinsamen sonntäglichen Besuch des Gottesdienstes fest. Er wurde nun von einem polnischen Priester in der provisorisch leidlich hergerichteten, oben natürlich offenen katholischen Kirche, die erst viel später wieder aufgebaut wurde, oder im gut erhalten gebliebenen Rathaussaal gehalten. Dass der Gottesdienst in polnischer Sprache ablief, störte sie, die polnisch verstand und sprach, am allerwenigsten. Mir allerdings blieb in Erinnerung, dass bei den Gebeten die Mutter Gottes Maria stets auch als krolowa polska, also als polnische Königin, tituliert wurde, was mich wegen der, wie mir schien, recht eigenwilligen nationalen Vereinnahmung der heiligen Maria arg verwunderte. Wann genau die erste polnische Messe gelesen wurde, weiß ich nicht mehr. Die Gottesdienste in der Auraser Kirche setzten wohl erst im Frühjahr 1946 ein oder sie waren im Winter unterbrochen. Wie ich erst jüngst von meinem alten Schulfreund Paul Urbanski erfuhr, machten wir beide uns zur Weihnacht 1945 gemeinsam mit einer früher in Auras tätigen Borromäerin, die, da auch der polnischen Sprache mächtig, nach Auras zurückgekehrt war, zur Christmesse in das rund 7 km entfernte Obernigk auf den Weg, wo offenbar noch eine völlig intakte Kirche existierte.

Große Sorgen bereitete ich Mutter eigentlich nur einmal in jenem einen Jahr, in dem wir unter polnischer Herrschaft standen, als ich mir bei der Ausübung meines Müllerberufs eines Sonntagsmorgens in der Mitte des Juli 1946 den rechten Arm zweimal brach. Auf die Benachrichtigung durch Janek eilte sie erschreckt und voller Angst sofort zur Mühle. Unvergessen bleibt mir ihr Blick, als sie mich recht blutverschmiert und vor Schmerzen jammernd auf einer Couch liegend im Wohnzimmer des Müllers entdeckte. Selbstverständlich fuhr sie mit der Kutsche, die Janek organisiert hatte und die er auch lenkte, mit nach Breslau. Und es lösten sich ihre Ängste um mich erst, als sich das Krankenhaus Allerheiligen, nun Wszystkich Świętych, bereit fand, mich in klinische Betreuung zu übernehmen. Sie ließ es sich dann in den rund sechs Wochen, die ich in der Klinik verbrachte, nicht nehmen, mich wiederholt, mindestens drei bis vier Mal, zu besuchen. Das war für sie mit nun schon Anfang 50 eine echte Strapaze. Sie musste den Weg zur Eisenbahn nach Pęgów, dem früheren Auras-Hennigsdorf, zu Fuß zurücklegen und dann bei der Zugunterbrechung wegen einer zerstörten Brücke über die Weide bei Weidenhof nochmals einen kleinen Fußmarsch zurücklegen, um zur Weiterfahrt nach Breslau zu gelangen. Natürlich war die Freude jedes Mal groß, wenn sie durchweg mit kleinen, meist essbaren Präsenten in der Tür des Vierbett-Krankenzimmers auftauchte.

Ansonsten lockerte sich ihre Strenge, die sie in meinen Kindheitsjahren bisweilen walten ließ, in dem Maße, wie ich erwachsener wurde und überdies nun gar wesentlich zum Lebensunterhalt beitrug. Ob sie immer volles Verständnis für meine Emanzipationsbestrebungen hatte, dem längeren Wegbleiben an den Abenden nur mit Toleranz begegnete, ist zu bezweifeln. An größeren Ärger kann ich mich aber nicht erinnern. Eine kleine, sogar recht lustige Episode vom Ostersamstag 1946 blieb mir allerdings fest in der Erinnerung, auch weil sie mich seitdem voll als Erwachsenen akzeptierte. Wir hatten zu Ehren der bevorstehenden Feiertage unter der Regie von Janek nach der zu Mittag beendeten Arbeit in der Mühle einen Harten über den Durst getrunken und ich traf auf dem Heimweg Mutter im Garten und umarmte sie fröhlich. Sie aber bemerkte schon an meiner Ausgelassenheit, dass ich, inzwischen immerhin schon fast 16 Jahre alt – für sie zum ersten Mal – dem Alkohol etwas zu stark zugesprochen hatte. Das überraschte sie so sehr, dass sie es für richtig hielt, mir nach langer Zeit mal wieder zwei saftige Ohrfeigen zu verabreichen. Ich aber hielt ihr die Arme fest und erklärte ihr lachend und frohgemut, dass dies aber das letzte Mal gewesen sei, dass sie mich so gezüchtigt habe. Wir umarmten uns dann doch und es blieb auch das letzte Mal. Als ich am Vorabend unseres Ausweisungstages, dem 15. November 1946, nach der feuchtfröhlichen Abschiedsfeier bei Janek in der Mühle recht spät erst nach Hause kam, bekam ich zwar recht heftige und sicher nicht unberechtigte Vorwürfe, die ungewöhnliche Reise, die uns bevorstand, nicht richtig ernst zu nehmen und statt ihr beim Packen zu helfen sogar noch zu feiern; aber es blieb dabei.

 

Abschied und Ankunft

 

Der Abschied aus unserem Heimatort fiel ihr gewiss schwer. Aber sie jammerte nicht, sondern nahm es – nicht zuletzt meinetwegen - als einfach gegeben hin. Den Marsch nach der Kreisstadt Wohlau, von wo aus es per Eisenbahn nach Deutschland gehen sollte, bewältigte sie wie alle anderen zu Fuß. Beim letzten Filzen unserer Habseligkeiten auf dem Bahnhof setzte sie nur alles daran, dass wir wenigstens unsere Federbetten behielten und vor allem die Dokumente über Vaters Verurteilung durch die Nazis nicht verloren gingen. Eine erstaunliche Gelassenheit legte sie auf der Fahrt und in der Quarantäne, die wir etwa zwei Wochen im Greizer Gymnasium zu absolvieren hatten, an den Tag. Die drei Säckchen getrocknetes Brot, die sie wohlweislich gegen den zu erwartenden Hunger nach der Ausweisung gesammelt hatte und der uns bei der letzten Durchsuchung unserer Sachen auf dem Wohlauer Bahnhof auch geblieben war, hat sie in den folgenden Wochen sorgsam vor allem für die Stillung meines Hungers eingeteilt.

Unser erstes Umsiedlerquartier bezogen wir Anfang Dezember, in der Adventszeit, bei einem Großbauern in Kleinkundorf , zwei Kilometer östlich der Stadt Berga im mittleren Elstertal (heute ein Ortsteil von Berga und durch den Tagebau der Wismut AG bekannter geworden)22, gelegen an der Bahnlinie von Gera nach Greiz. Es mag ihr trotz extremer wohnlicher Enge möglicherweise besser als die späteren Quartiere gefallen haben und sie hätte dort möglicherweise auch auf dem Felde wieder Arbeit finden können. Sie hat den Ort jedoch ohne Murren wiederum - nun meines Schulwegs wegen - aufgegeben und ist mit mir schon nach wenigen Wochen, im Januar 1947 in das - dem Greizer Gymnasium näher gelegene – Mohlsdorf bei Greiz gezogen, wo uns der Bürgermeister aufnahm. Mohlsdorf, ca. 7 km östlich von Greiz an der Verkehrsstraße Greiz-Werdau gelegen, war zu diesem Zeitpunkt ein Bauern- und Industriearbeiterdorf, mit ca. 1300 Einwohnern; Standort einer vielseitigen Textilindustrie, in der Mutter bald Arbeit, und zwar in einer Bleicherei fand.23 Über die seit 1865 bestehende Bahnstrecke Greiz-Neumark (die 1999 eingestellt wurde) hatte der Ort, der 1922 durch Zusammenschluss von Hermannsgrün und Mohlsdorf entstanden war, Anschluss ans deutsche Eisenbahnnetz, so dass ich als Greizer Oberschüler von 1947 bis 1949 wie schon zuvor in Schlesien wieder Fahrschüler wurde.

Während meiner Schulzeit von Januar 1947 bis Herbst 1949 war Mutter verständlicherweise immer mein wichtigster Halt in der neuen, fremden Umwelt und meine Vertraute auch in politischen Fragen. Mein „Ich hab ja Dich noch“ von November 1943 wurde in diesen Jahren, in der wir besonders aufeinander angewiesen waren, tagtägliche Realität. Mehr als zuvor in Auras pflegten wir politische Diskussionen, zumal Mutter 1947 sich auch politisch geöffnet hatte und Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands geworden war. Auch trat sie – wie die überlieferten Mitgliedsbücher ausweisen - der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft und dem Demokratischen Frauenbund bei und gehörte selbstverständlich bis zu deren Auflösung 1953 auch der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VdN) an. Für mich war sie in dieser Zeit auch politisch ein wichtiger Halte- und Orientierungspunkt. Zwar wusste ich jederzeit, wo ich politisch hingehöre. Doch kehrte ich bisweilen den „klugen Oberschüler“ hervor und es machten sich, zumal ich aus eigenem Antrieb - wegen der Sache mit dem Fähnleinführer - den Anschluss an die Greizer Schulorganisation der FDJ abgelehnt hatte, dann und wann besserwisserisch-kritische Haltungen gegenüber manchen Erscheinungen in der gesellschaftlichen Entwicklung, Mängeln im Bereich der politischen Demokratie, bemerkbar. Da waren die Dispute mit Mutter, die nicht selten bei den gemeinsamen Kirchgängen nach Greiz stattfanden, ein heilsames Gegengewicht um die Dinge immer wieder grade zu rücken und bei allem Für und Wider das Vermächtnis des Vaters nie außer Acht zu lassen.

Bis zu meinem Auszug zum Studium in Jena, aber auch noch während der ganzen Studentenzeit hat mich Mutter mit allem umsorgt, was eine Mutter vermag, In den Hungerjahren 1947/48 hat sie sich vom Munde abgespart, um mir etwas mehr zustecken zu können. Wir sind in diesen Jahren oft gemeinsam in den Wald gegangen, um dem Hunger zu entgehen und zugleich kleine Stubben für den Winter zu roden. Wald-Champignons, im Vogtland Zigeuner genannt, bildeten in den Pilzzeiten oft neben Brennnesseln und auch Rübenblättern die Grundlage für das Mittagsessen oder Abendbrot. Eine mit Salz und Pfeffer gewürzte Suppe aus einer geriebenen Kartoffel, die so genannte Zudelsuppe, galt damals auch für uns als ein Genuss, der den Hunger freilich nur scheinbar stillen konnte. Was Mutter aus den kargen Lebensmittelangebot, das in diesen Jahren zur Verfügung stand, dennoch oft auf den Tisch zu zaubern verstand, erscheint mir heute immer noch wie ein Wunder, selbst wenn es nur ganz selten richtig satt machen konnte. Unvergessen bleibt mir, wie sie mir Ende 1949, als ich gerade in Jena mit meinen Lebensmittelkarten allein zurande kommen musste, ein Dreipfundbrot mit auf den Weg gab. Sie hatte es von ihrem schmalen Lohn für 90 Mark schwarz besorgt; das war übrigens genau die Summe meines anfänglichen monatlichen Stipendiums.

Erst im Herbst 1948 verbesserte sich unsere Ernährungssituation grundlegend, als ich durch Mitarbeit in der Kartoffelernte bei einem Bauern in Kleinkundorf und nachfolgendem Stoppeln ca. 8-10 Zentner Kartoffeln zusammenbringen konnte. Der Bauer schaffte diesen prächtigen Gewinn bei einer seiner Touren nach Greiz und von dort brachten wir den unerwartet großen Wintervorrat auf einem recht stabilen größeren Handwagen unter größten Anstrengungen die mal leicht, mal stärker ansteigende Strecke auf der Straße von Greiz-Mitte über Aubachtal nach Mohlsdorf in den Keller. Ich erinnere mich keiner weiteren so schweren Schinderei, die wir beide gemeinsam jemals mit einem so großen Glücksgefühl und echtem Frohsinn bewältigt hätten. Seit diesem Zeitpunkt halfen Kartoffeln über jeglichen Hunger hinweg. Als mein Cousin Reinhold im Frühjahr 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft bei uns einkehrte, da hatten wir wenigstens genügend Kartoffeln, um nun die zwei hungrigen Mäuler einigermaßen satt zu kriegen.

In unserem neuen Wohnort Mohlsdorf hat Mutter kurze Zeit nach unserer Ankunft im Juni 1947 Arbeit in einem Privatbetrieb, bei der Bleicherei Wilhelm Dittmar im Ort, als Bleichereiarbeiterin gefunden. Es war eine schwere Arbeit, die sie wegen des zwar nur schmalen Lohns gleichwohl mit einiger Genugtuung, aber wohl nicht gerade großer Freude bis August 1950 ausübte.24 Fabrikarbeit lag ihr nicht, sie zog die Arbeit in der freien Natur vor. Als Opfer des Faschismus konnte sie bereits mit 55 Jahren in die Rente gehen, die anfangs nicht gerade üppig war, sich aber dank der späteren zusätzlichen OdF-Pension merklich erhöhte und ihr fortan ein finanziell gut abgesichertes Leben gestattete.

Das Bedürfnis auf Geselligkeit hielt sich für Mutter zeitlebens in Grenzen. Sie besaß die Fähigkeit, mit sich selbst zurande zu kommen, wollte vor allem ihre Ruhe haben. Dennoch pflegte sie gute Kontakte zu Mitbewohnern, Nachbarn und guten Bekannten, unter ihnen meist Umsiedler, ohne allerdings engere Freundschaften einzugehen. Die Parteiversammlungen hat sie in Mohlsdorf pflichtgemäß jederzeit besucht, ohne jedoch politisch aktiv zu werden, was ihr aber auch nicht abverlangt wurde. Über die politischen Ereignisse war sie durchweg gut informiert, zumal nachdem wir 1949 einen kleinen Radioapparat (ich erinnere mich, es war so ein Exemplar, das in der Nazizeit Goebbelsschnauze genannt wurde) erwerben konnten. Ausgesprochen sympathisch war ihr Wilhelm Pieck, den sie Papa Pieck nannte, Die Reden Otto Grotewohls hörte sie sich gern an; Walter Ulbricht galt ihr indes zu unnahbar und kalt. Zur Entwicklung in den Westzonen und zur Bundesrepublik hatte sie bis zuletzt eine entschieden kritische und klar ablehnende Haltung. Sie konnte nicht verstehen und noch weniger akzeptieren, dass die Mörder ihres Mannes dort wieder in wichtige Machtpositionen gelangten, keiner aus dem Volksgerichtshof zur Rechenschaft gezogen und bestraft wurde und der anklagende Oberreichsanwalt Lautz eine passable Rente als Beamter erhielt. In den allerletzten Jahren äußerte sie manchmal die Befürchtung, dass die alten Nazis noch einmal über uns kommen könnten. Den Umbruch von 1989/90 hat sie zum Glück nicht mehr erlebt.

Eins war ihr in der Zeit des Alleinseins immer besonders wichtig, der Kirchgang am Sonntag, auf den sie nur ganz selten verzichtete. Hier fand sie auch die Kontakte zu anderen aus der alten Heimat. In meiner Oberschulzeit, in der ich ja noch ganz zu Hause lebte, habe ich sie, auch selbst durchaus noch gläubig, beim Weg zum sonntäglichen Gottesdienst, entweder am Ort oder auch nach Greiz stets begleitet. Das waren – wie bereits gesagt - auch immer Gelegenheiten für ausführliche Gespräche. All unsere und des verantwortlichen Greizer oder später Berliner VdN-Vertreters Bemühungen, doch die immer wieder angebotenen Möglichkeiten von Kuren oder Urlauben in Heimen der VdN, die ihr als OdF zustanden, wahrzunehmen, scheiterten immer wieder. Sie fühlte sich in solcher für sie fremden Atmosphäre nicht wohl, war sich vielleicht auch unsicher; vor allem aber schien es ihr, dass sie auch da letztlich doch allein bleiben würde.

Nur die eigene Familie bot ihr die Geselligkeit, die ihr wohl tat und die sie darum auch immer wieder anstrebte. Da fühlte sie sich voll in ihrem Element. Als ihr Neffe, mein Cousin Reinhold, sich aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nicht zu seinen Eltern ins inzwischen polnisch gewordene Bytom, sondern zu seiner Tante Klara nach Mohlsdorf entlassen ließ, hat sie ihn, wie schon erwähnt, mit größter Selbstverständlichkeit und offenen Armen aufgenommen. Er wurde Mitglied unserer Familie; sie hatte damit einen zweiten Sohn, um den sie sich in allen Dingen und in bekannter Strenge sorgte. Er ging wenige Wochen nach seiner Heimkehr zur Kasernierten Volkspolizei und machte danach in der Nationalen Volksarmee, beim Bodendienst der Luft, Karriere bis zum Hauptmann. Seine Kurzurlaube verbrachte er meist zusammen mit mir in Mohlsdorf. Über sein zwar nicht sehr üppiges Konto wachte Tante Klara streng, dass nichts unnütz vergeudet würde, bis er 1954 schließlich Ernita heiratete und eine Familie gründete. Nachdem er Mitte der sechziger Jahre ins Zivilleben zurückgekehrt war, wurde er nach einem Fachschulstudium Ökonom und war in Leipzig in einem für die Sowjetarmee arbeitenden Baubetrieb beschäftigt. Er starb 1984 nach der Operation an einem Hirntumor.

Nach dem Tod ihrer liebsten Schwester, von Therese in Beuthen, versuchte Mutter in den sechziger Jahren, deren Tochter, meine Cousine Else, eine kluge, energische und umsichtig hilfsbereite Frau des Jahrgangs 1921, die in Auraser Zeiten schon dann und wann bei uns zu Besuch war, dafür zu gewinnen, zu ihr nach Mohlsdorf überzusiedeln, was leider nicht gelang. Gleichwohl bewältigte Mutter selbstbewusst ihr Alleinsein. Dabei half ihr auch, dass sie - wie dereinst im heimatlichen Auras - auf einem kleinen Stückchen Land um den Teich herum, an dem sie wohnte und das den Bewohnern von der Gemeinde für den Anbau von Gemüse etc. zur Verfügung gestellt worden war, nahrhafte Gartenwirtschaft betreiben konnte Solange sie noch rüstig und gut zu Fuß war, erledigte sie selbstverständlich alle Besorgungen im Ort alleine, aber sie fuhr regelmäßig einmal in der Woche auch in die Kreisstadt, nicht nur um die größere Besorgungen zu machen, sondern auch um in der Greizer Badeanstalt ein Wannenbad zu nehmen.

Von meinen Freundschaften, besser Liebschaften bekam sie verständlicherweise nur das Nötigste mit; da blieb ich auch recht schweigsam. Immerhin fragte sie mich am späten Vormittag nach einem länger ausgedehnten Tanzabend in den Sommersemesterferien 1950, wann ich denn nach Hause gekommen sei. Und als ich nicht ganz wahrheitsgetreu angab, es müsse so zwischen Eins und Zwei gewesen, bemerkte sie nur schmunzelnd, sie habe bisher noch nicht erlebt, dass die Sonne schon zu so früher Stunde aufgehe. Meine erste Liebe, die aus einer Schulfreundschaft entstanden war, Rita Jacob, kannte sie von Besuchen sehr gut und mochte sie auch sehr. Zufrieden war sie - wie ich erst Jahrzehnte später nach ihrem Tod von meinen Verwandten erfuhr - allerdings keineswegs, als ich mich 1951 von ihr trennte, nachdem ich beim Studium in Jena ein anders Mädchen: Gisela Kerzel kennengelernt hatte, die ich zwei Jahre später auch heiratete. Mir selbst hat sie in solchen Angelegenheiten jedoch nie dazwischen geredet. Gisela hat sie dann ebenfalls voll akzeptiert; indes hatte diese sicher ein wenig darunter zu leiden, dass sie ihr den einzigen Sohn weggeheiratet hat.

Für Überraschungen war Mutter immer gut. So hatte sie sich vorgenommen, mich mal unangemeldet mitten in der Woche in Jena ohne Ankündigung zu besuchen. Das geschah im Frühsommer 1950, als sie gerade in Rente gegangen war und ich im zweiten Semester stand. Es gelang ihr perfekt. Ich selbst war zwar brav in einer Vorlesung, als sie in meiner Studentenwohnung bei Frau Biehle in der Maurerstraße 32a auftauchte. Aber mein Cousin Reinhold, der in Erfurt auf der Offiziersschule studierte und mich am Tag zuvor besucht und mit dem ich gerade einen längeren Abend wohl beim Tanz verbracht hatte, war zu Hause. Er empfing sie noch etwas verschlafen und musste die hochnotpeinliche Befragung über sich ergehen lassen, was wir denn hier gemeinsam so trieben. Wie immer verstand es, sie zu beruhigen und uns im besten Lichte erscheinen zu lassen Ein am gleichen Tag in Jena gemachtes gemeinsames Foto, auf dem Mutter als machtbewusste Prima zwischen uns beiden Jungen saß, lässt beim Betrachter keinen Zweifel aufkommen, wer der eigentliche Bestimmer ist.

Den einzigen regelmäßigen Besuch erhielt Mutter in den Mohlsdorfer Jahren von einem Leidensgefährten aus unserem alten schlesischen Kreis, von Vater Seel, wie wir ihn respekt- und liebevoll nannten. Er kam mit dem gleichen Transport wie wir, und es hatte ihn wie uns nach Mohlsdorf verschlagen. Kurz nach der Ankunft war seine Frau, die an schweren Hungerödemen litt und um die sich Mutter noch gekümmert hatte, verstorben. So kam er in seiner Einsamkeit meist zweimal in der Woche an den Teich 5, wo wir wohnten, um sich zu unterhalten, Kaffee zu trinken und auch mal Karten zu spielen. Vor allem wenn Reinhold und ich an Wochenenden daheim waren, ließ er sich mit Sicherheit blicken; denn mit uns konnte er richtig Karten spielen, am liebsten Schafkopf, aber auch mal Skat. Es war ein einfacher, gutmütiger, hilfsbereiter, nicht sehr gesprächiger, aber doch fröhlicher Zeitgenosse, dem es außerordentlich schwer fiel, allein zu bleiben. Dann und wann nahmen wir ihn auch auf unsere freilich recht seltenen Spaziergänge am Sonntag nach Bildhaus oder Waldhaus mit. Bekannte von Mutter munkelten schon, beide könnten ein Paar werden oder gar schon sein. Doch war dem mitnichten so. Auf die Idee, mit Vater Seel zusammen leben zu wollen, ist Mutter nie gekommen. Er starb wenige Jahre, bevor Mutter Mohlsdorf verließ, um bei uns in Berlin Quartier zu nehmen.

Die Jahre des Alleinseins in Mohlsdorf

 

Im Herbst 1953 ergab sich für Mutter durch Veränderungen in meinem Leben eine neue Situation. Als ich in Jena studierte, war sie zwar auch schon oft allein; aber Mohlsdorf war und blieb doch immer noch mein eigentliches Zuhause. Es vergingen in der Regel höchstens zwei, schlimmstenfalls mal drei Wochen, in denen ich mich nicht daheim sehen ließ. Und meine Wäsche wurde durchweg immer noch in Mohlsdorf von Muttern gewaschen. Nun aber hatte ich das Studium abgeschlossen und eine Arbeit in Berlin bekommen, als Assistent am Institut für Gesellschaftswissenschaft beim ZK der SED, die ich am 1. September 1953 antrat. Wenige Tage zuvor hatten Gisela, die im Sommer in Jena das Abitur abgelegt hatte und in Berlin ein Lehrer-Studium aufnehmen wollte, und ich am 29. August 1953 in Weimar geheiratet. An der Hochzeit im Haus von Giselas Mutter in Weimar-Ehringsdorf hatte Mutter natürlich teilgenommen. Unser gemeinsamer Lebensmittelpunkt wurde Berlin, wo wir zunächst ein Jahr in einem kleinen Internatszimmer in der Pankower Neuen Schönholzerstraße Unterkunft fanden, aber schon im Herbst 1954 eine eigene Wohnung in der Lichtenberger Rudolf-Reusch-Straße beziehen konnten. Die Küche in der neuen, unserer ersten Wohnung finanzierte Mutter. Das war gewissermaßen ihr Hochzeitgeschenk für uns.

Damit wurden die bisher regelmäßigen Kontakte deutlich weniger und Zusammenkünfte in Mohlsdorf mehr oder weniger zu einer Seltenheit. Berlin lag nun mal weiter von Mohlsdorf weg als Jena. Die Beziehungen beschränkten sich in einer Zeit, in der der Besitz eines privaten Telefons noch die absolute Ausnahme war, auf briefliche Korrespondenz. Und übermäßig intensiv war selbige meinerseits nicht gerade. In dem einzigen erhalten gebliebenen Brief von ihr ein Jahrzehnt später, aus dem Jahr 1964, heißt es: „Nun will ich wieder mal den Sonntag benutzen und meine Pflicht tun und den letzten Brief beantworten. Meinen herzlichen Dank. Ich freue mich immer, wenn ein Brief von Berlin kommt. Du weißt es ja, wie das ist, wenn man allein ist. Gesundheitlich geht es mir wie immer, mal gut, mal schlecht; man hat sich an den Wechsel schon gewöhnt.“ Immer wenn ich heute von meinem Sohn Peter mal längere Zeit nicht angerufen werde, erinnere ich mich, um Unmut gar nicht erst aufkommen zu lassen, einfach daran, wie selten ich damals Mutter, die sicher auf jeden Brief von uns sehnsüchtig gewartet hatte, geschrieben habe. Regelmäßige gegenseitige Besuche ließen die früheren engen Familienbeziehungen allerdings keineswegs erkalten. Zu Mutters Geburtstag am 30. Juli waren wir auf jeden Fall bei ihr in Mohlsdorf, sofern sie uns zu diesem Zeitpunkt nicht gerade in Berlin besuchte. Mancher unserer Urlaube wurde bei ihr in Mohlsdorf verbracht, was für sie bei allen Strapazen, die so ein Besuch ihr bereitete, immer was Besonderes war und sie aufleben ließ.

Nach bestandener Promotion Ende 1961 und der Berufung zum Professor im Herbst 1965 fuhr ich selbstverständlich zu Muttern, der ich auch mein erstes Buch widmete; da hatte ich geschrieben: „Mein erstes Buch soll vor allem Dir gewidmet sein. Ich überreiche es Dir in tiefer Verehrung und Dankbarkeit für all das, was Du in Deinem harten und schweren, mühe- und kummervollen Leben geleistet hast – für unsere Sache und für mich selbst. Es kann nur ein Zeichen des Dankes sein. Aber es ist, hoff ich, ein gutes Zeichen – auch und gerade dafür, dass Dein rastloses Mühen um die Verwirklichung von Vaters doppeltem Vermächtnis nicht umsonst war.“ Ich glaube, sie hat sich gefreut, was sie nie emphatisch oder gar überschwänglich ausdrücken konnte, und war ein wenig stolz darauf, dass aus dem Jungen doch was Ordentliches geworden zu sein schien. Jedenfalls sagte sie, die mit Lob und emotionalen Gefühlen eher sparsam umging, mir aus ersterem Anlass, dass Vater, würde er noch leben, seine Freude an mir hätte.

Und sie war um so mehr froh darüber, dass ich das Doktorexamen erfolgreich hinter mich gebracht hatte, da sie ein gutes halbes Jahr zuvor miterlebt und mitgelitten hatte, wie ich beim letzten Kapitel meiner Dissertation in eine tiefe persönliche Krise geraten war. In der Annahme, dass ich für eine vollständige Wilhelm-Wolff-Biografie, die von 1809 bis 1864 zu reichen hatte - das war mein Dissertationsthema - noch mehrere Kapitel zu schreiben hätte, brachte ich es jeden Tag immer nur auf die gleichen vier Seiten, die ich schon mehrmals zuvor niedergeschrieben hatte. Als Mutter spürte, dass ich nicht mehr ein noch aus wusste und vor einem Nervenzusammenbruch stand, meinte sie in großer Sorge und in Erinnerung an unsere weitgehend konfliktfreien gemeinsamen Jahre in Auras von 1945/46 ganz ehrlich: „Wenn Dich die Wissenschaft so kaputt macht, dann wäre es vielleicht besser gewesen, Du wärst in Schlesien Müller geblieben. Da warst Du zufriedener.“ Die Situation änderte sich allerdings bald schlagartig, als mir Wolfgang Schumann, ein alter Studienkollege aus Jena, der aber schon Erfahrungen mit seiner eigenen Dissertation und bei der Betreuung anderer Kandidaten hatte, mir kühn vorschlug, wozu andere mich nicht aufgefordert hatten, nämlich die ohnehin schon sehr umfangreiche Arbeit doch an einem wichtigen biografischen Schnittpunkt einfach abzuschließen. Um bis zu diesem Punkt, dem Zusammentreffen Wolffs mit Marx und Engels im Jahre 1846, zu kommen, brauchte ich nur das gerade in Arbeit befindliche Kapitel nur zu Ende zu schreiben. Diese Entscheidung löste umgehend alle bisherigen psychologischen Blockierungen. Binnen vier Wochen war dieser Text verfasst, die Dissertation fertig, die Thesen angefertigt und am 30. November 1961 wurde die Arbeit verteidigt. Für meine spätere Arbeit als Betreuer war dieses eigene Erlebnis die vielleicht wichtigste, vor allem fruchtbarste Erfahrung. Ich konnte fortan einfach sehr gut nachempfinden, was einem Doktoranden passieren kann.

Mindestens einmal, bisweilen auch zweimal im Jahr kam Mutter zu Besuch nach Berlin und lebte für längere Zeit, meist zwei bis drei Monate mit uns. Anfangs unternahm sie die Reise mit der Bahn, später, als wir stolze Besitzer eines Trabants geworden waren, holten Gisela oder ich sie in Mohlsdorf ab und fuhren sie auch wieder nach Hause. Inzwischen war sie, als Peter in den sechziger Jahren in unser Leben trat, Großmutter geworden, die sich über den Nachwuchs sehr freute. Sie war nun die, wie es in unserer Familie hieß, Mohlsdorfer Oma neben der Ehringsdorfer, die Giselas Mutter stellte. Wir waren, wenn Mutter bei uns war, eine richtige große Familie aus drei Generationen. Und sie hatte ihre helle Freude an dem kleinen Kerl, der bald auch der Oma besonders zugetan war und für sie und ihre Sorgen stets das größte Verständnis hatte. Lustige Fernsehsendungen, alte Filme aus der Stummfilmzeit und mit Dick und Doof (mit Stan Laurel und Oliver Hardy) sowie andere „leichte“ Sendungen, auch mal von einem West-Sender (der offiziell eigentlich nicht gesehen werden sollte), waren nicht selten ihr gemeinsames Vergnügen, bei dem sie sich gemeinsam köstlich amüsieren und ebenso herzhaft wie laut lachen konnten. Ein Nebenresultat der gemeinsamen, von Werbungen immer wieder unterbrochenen Fernsehvergnügen bei dem „Fremd“-Sender war Omas plötzliche und einmalige Bitte an Peter, ihr in der Kaufhalle doch mal wieder mehrere Flaschen Sinalco ranzuschaffen. Wir haben, als ihr klar wurde, dass dies angesichts der „Mauer“ wohl unmöglich sei, alle lauthals gelacht. Zahlreiche alte Fotos bezeugen gemeinsame Ausflüge, die wir zunächst mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und nach dem Besitz eines Autos seit 1965 auf den eigenen vier Rädern unternahmen.

Das letzte Jahrzehnt in unserer Familie

 

Ihre Selbständigkeit in der eigenen Mohlsdorfer Wohnung wollte Mutter so lange wie möglich behalten. Als wir ihr in der Mitte der sechziger Jahre erstmals vorschlugen, doch zu uns nach Berlin zu ziehen, antwortete sie in dem einzigen überlieferten Brief von Herbst 1964: „Du schreibst, ich sollte ganz zu Euch. Das muß gut überlegt sein. Ich bin bereits 20 Jahre auf mich selbst angewiesen, und da ist es schwer, alles aufzugeben und dann sich vorzukommen wie ein geduldeter alter Mensch. Das stelle ich mir schrecklich vor. So lange, wie es geht, bleibe ich für mich, und dann sage ich immer, kommt Zeit kommt Rat. Denn es ist immer noch Zeit, das zu regeln.“ Zu Beginn der siebziger Jahre begann sich indes abzuzeichnen, dass sie größerer Hilfe bedurfte, was wir Fremden in der Ferne nicht zumuten wollten. Da schlugen wir ihr ernstlich vor, doch ganz zu uns umzuziehen. Sie stimmte aber auch da mehr notgedrungen, wie uns schien, als innerlich voll überzeugt und ohne richtig froh zu sein, zu. Im Juli 1973 kam sie mit der Absicht zu bleiben zu Besuch. Im August zog sie, nachdem sie mit Gisela nochmals mit nach Mohlsdorf gefahren war, um die ihr wichtig erscheinenden Utensilien mitzunehmen und die Wohnung aufzulösen, endgültig um.

Nun lebten wir als kleine Großfamilie in drei Generationen in der recht geräumigen Dreizimmerwohnung in der Pankower Tirolerstraße, deren Nr. 75a Peter in den ersten Jahren immer als sibe-sibe-a umschrieb. Wir hatten sie bereits 1960 im Rahmen eines Ringtauschs gegen die bisherige kleine, aber gemütliche Zweizimmerwohnung in der Lichtenberger Rudolf-Reusch-Straße tauschen können. Immerhin hatte dadurch jede Generation ihr eigenes Wohn- und Schlafzimmer. Zum ruhenden Pol und zur unentbehrlichen Stütze wurde jetzt mehr denn je Gisela, die sich selbst vieles versagte, um nicht nur mir den Buckel freizuhalten und Peter zu versorgen und großzuziehen, was sie schon seit Anfang der sechziger Jahre tat, sondern nun auch Omas Lebensabend so angenehm wie nur möglich zu gestalten. In diesen Jahren verschwanden bei meiner Mutter endgültig auch die letzten anfänglichen Vorbehalte einer Mutter gegenüber der Schwiegertochter. Sie erlebte tagtäglich Giselas unermüdliche Bemühungen und wiederholte nun des öfteren ihre große Wertschätzung: „Ein Glück, dass wir Gisela haben; sie schafft alles.“

Mutter, die seit Jahrzehnten allein über ihr Leben zu bestimmen gewohnt war, musste sich nun in ganz neue Verhältnisse einordnen und sie gewöhnte sich auch allmählich ein, trauerte in den ersten Jahren aber doch dann und wann der verloren gegangenen Selbständigkeit nach. Es war nun sicher etwas eng in der Wohnung, aber man konnte sich auch aus dem Wege gehen. Gegessen wurde immer in der nicht allzu großen Küche, in der die täglichen Familien-Konsultationen stattfanden. Die Küche wurde auch jetzt der Raum, in dem sie, solange es ging, ihren tätigen Anteil am aktiven Familienleben nahm. Anfangs klappte es dann und wann noch mit dem Kochen. Dann wurde vor allem das Abwaschen ihr Aufgabenfeld, das sie sich nicht nehmen ließ, auch wenn es ihr zunehmend schwerer fiel. Es war der Bereich, in dem sie sich bis zuletzt selbst bestätigte. Als gar nichts mehr ging, war das ihr größter Kummer. Denn sie wollte tätig sein, sonst fühlte sie sich nicht wohl. Eigene Spaziergänge in unserem Kiez unternahm sie nicht längst mehr. Neue Bekanntschaften ergaben sich nicht, zumal Mutter es immer schon schwer hatte, sich anderen gegenüber zu öffnen und neue Beziehungen anzuknüpfen. Unsere Freunde wurden aber nun auch ihre Freunde.

Ein Problem kam immer dann auf, wenn unsere Familie in Urlaub ging, in den sie uns nicht begleiten wollte und später auch nicht konnte. Aber das wurde – wie es ihr am liebsten war – „en famille“ gelöst. Da wurde sie immer Feriengast in Reinholds Familie in Leipzig. Und im Wechsel nahm sie auch Giselas um zehn Jahre jüngere Mutter Martha im weimarischen Ehringsdorf auf, die dann und wann natürlich auch uns in Berlin besuchte. Übrigens zog Oma Martha nach ihrem 80. Geburtstag, den sie am 6. März 1986 noch in ihrem kleinen Häuschen im Kreise ihrer dortigen Bekannten und alten Arbeitskollegen verleben wollte, auf ihren ausdrücklichen Wunsch kurz darauf zu uns nach Berlin. Sie stieg nach Peters Heirat und der Geburt von Luisa und Anna 1989 und 1991 noch in den Rang einer Urgroßmutter auf, was sie als Uroma Martha stolz genoss. Sie starb an Altersschwäche am 16. Juni 1994 in Berlin.

Die einzigen, im Sommer regelmäßigen Abwechslungen brachten Mutter - neben manchem Ausflug mit dem Auto in die Berliner Umgebung - die Wochenenden, wenn es gemeinsam auf unsere 1961 erworbene kleine bescheidene Datsche nach Eggersdorf ging. Darauf bereitete sie sich immer vor, nicht zuletzt indem sie die ganze Woche über für des Nachbarn Federvieh Eierschalen und andere Speisereste sammelte, um die Hühner damit durch den Gartenzaun ein wenig zusätzlich verwöhnen zu können. Auch so erwies sich, dass sie das Landleben mehr als die Stadt liebte. Als Auto-Fahrer favorisierte sie jederzeit ihren Enkelsohn Peter, den sie, nachdem er die Fahrerlaubnis besaß, immer als den eigentlichen Chef betrachtete. Wenn er uns nach Eggersdorf kutschierte, dann leuchteten ihre Augen. Zu ihm, der immer viel Verständnis für seine Oma aufbrachte, hatte sie ein besonderes Verhältnis. Er wusste sie am behutsamsten zu führen und ihr die Wünsche von den Augen abzulesen. In unserem Garten in Eggersdorf erlebte sie auch einen ihrer wohl denkwürdigsten Geburtstage. Es war kein runder, aber er wurde für sie und uns zu einem besonderen. Denn unsere besten Eggersdorfer Freunde, Gitta und Erich Kundel, trafen bei ihrem Spaziergang zu uns, um Oma zu gratulieren, auf musizierende junge Leute mit einem Leierkasten und konnten diese dazu bewegen, in der Bötzseestraße 65 einzukehren und Mutter ein längeres lustiges und fröhliches Ständchen darzubieten. Das brachte Aufregung in ihr stilles Leben und große Aufmerksamkeit in die Nachbarschaft. Da fühlte sich Mutter richtig wohl und vor allem geehrt. Sie vergaß dieses Erlebnis - wie wir alle - ihr Leben lang nicht.

Ihren 85. Geburtstag am 30. Juli 1980 feierten wir zusammen mit der ganzen Familie von Reinhold, die angereist war, noch in großer Runde in der Tirolerstraße, nachdem Mutter am 11. Mai noch meinen 50. Geburtstag erlebt hatte. Danach fiel ihr alles immer schwerer. Die Vergesslichkeit hatte inzwischen stark zugenommen. Im Frühjahr 1982 machte sie noch unseren Umzug in eine sehr geräumige Fünfzimmerwohnung in die Leipziger Straße mit, hatte aber von dem schönen Zimmer, das sie beziehen konnte, nicht mehr viel. Kurz darauf zog sie sich im Mai 1982 bei einem Sturz einen Oberschenkelhalsbruch zu, der im Berliner Hedwigskrankenhaus noch recht erfolgreich operiert wurde. Doch konnte sie das selbständige Laufen nicht mehr recht erlernen; auch nicht, als sie noch in ein Pflegeheim in Köpenick aufgenommen wurde. Ein Dreivierteljahr war sie nun auf unsere und unserer Freunde regelmäßige Krankenbesuche angewiesen. Wie spürten, wie ihr das Zuhause in der Familie fehlte, das Besuche nicht ersetzen konnten. Peter und ich holten sie deshalb oft übers Wochenende in unsere Wohnung, bewältigten die eine Treppe vom 7. zum 6. Stock, indem wir sie auf einem Stuhl herunter und herauf trugen. Weihnachten 1982 und die Jahreswende 1982/83 verlebte sie so noch mit uns daheim. Das wurde ihr letztes Familienerlebnis. Sie musste inzwischen mehr oder weniger nur noch liegen und hatte sich auch schon aufgelegen. Nach einer nochmaligen Operation wegen einer erneuten Fraktur erlag sie am 1. Februar 1983 um 00:40 im Krankenhaus Köpenick im 88. Lebensjahr an einer Lungenentzündung, die sie sich als Folge des ständigen Liegens zugezogen hatte.

Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem bekannten Friedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde in einer schlichten Urnen-Grabstelle. Die Beisetzung erfolgte am 22. Februar 1983 im Kreise unserer und Reinholds Familie und unserer besten Freunde, die Mutter alle gut kannten und sie auch während der Krankheitsmonate besucht hatten. Der wichtigste Satz der kurzen Trauerrede war: „Ihr langes, schweres, aber erfülltes Leben hat sich vollendet.“

 

 

 

 

 

1 Tauf-Geburtsschein des katholischen Pfarramts St. Maria, Beuthen/OS, 13.12.1928.

2 De.wikipedia.org/wiki/Bytom.

3 Josef Bitta: Guido Graf Henckel Fürst von Donnersmarck, in: Schlesische Lebensbilder, Bd. 1: Schlesier des 19. Jahrhunderts, Breslau 1922 (Sigmaringen 1985), S. 119-125.

4 Siehe Joachim Georg Görlich, Gegenwarts-Volksdichter in „Wasserpolnisch“. Oberschlesische Mundartliteratur aus dem bodenständigen Volkstum, in: Schlesische Studien, hg. von Alfons Hayduk, München 1970, S. 152ff.

5 Dazu Arbeitsbuch L-TH Nr. 05,2/ 010511 für Schmidt, geb. Leppich, Klara, S. 4.

6 Bei den Aussagen über die Familie Leppich und die Woytallas und Bieneks stütze ich mich außer auf Mutters Erzählungen auch und vor allem auf Angaben meiner Cousine Else Skrobarczyk, geb. Bienek aus dem Jahre 2005. Sie starb mit 90 Jahren am 27. Juni 2008 in Beuthen, wo sie auch beigesetzt wurde.

7 Im Branchenteil des Breslauer Adressbuches von 1926, S. 364 wird als Geschäftstandort die Gutenbergstraße 46 angegeben, die ganz in der Nähe der Wohnung lag.

8 Hierzu siehe: Das Breslauer Adressbuch: Unter Verwendung amtlicher Quellen, Breslau (Scherl Verlag) 1926, 1928, 1930, 1932/33, 1936 und 1941. Für Auskünfte zum Adressbuch von 1941 danke ich Paul Urbanski in Bad Münder.

9 So Breslauer Adressbuch 1932: Abschnitt Straßen, S. 147.

10 Eine Geschichte der Stadt Breslau für das 20. Jahrhundert steht leider noch aus. Den bisher gründlichsten und ausführlichsten, forschunggestützten Überblick dazu für die Zeit der Weimarer Republik bietet aus dem Blickwinkel der Biografie des damaligen linksliberalen Breslauer Oberbürgermeisters Roland B. Müller: Otto Wagner (1877-1962) im Spannungsfeld von Demokratie und Diktatur. Oberbürgermeister in Breslau und Jena, Leipzig 2012, hier vor allem S. 48-69; 78-158. Zusammenfassendes über Breslau in dieser Zeit auch in: Helmut Neubach: In der Weimarer Republik (1919-1933), in: Winfried Ungang, Werner Bein, Helmut Neubach: Schlesien. Geschichte, Kultur, Wirtschaft (=Historische Landeskunde. Deutsche Geschichte im Osten, Bd. 4), Köln 1995, S. 207-226; auch ders.: Kleine Geschichte Schlesiens, Bonn 1996, S. 13-18; Ernst Birke: Schlesien, in: Die deutschen Ostgebiete zur Zeit der Weimarer Republik, Köln, Graz 1966., S. 150-186.

11 So Roland B. Müller, S. 136.

12 Tauf-Zeugnis des katholischen Pfarramts Liebenau, 14.12.1828. Über meinen Vater siehe: Walter Schmidt: Josef Schmidt (16. März 1895 bis 8. November 1943). Erinnerungen an meinen Vater, in: Antifaschismus als humanistisches Erbe in Europa. Festschrift zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Rolf Richter, Berlin 2005, S. 63-86.

13 In einer Geburtstagskarte für Mutter zum 30. Juli 1941 verweist Vater darauf, dass sie eigentlich schon 17 Jahre ein Paar sind.

14 Heiratsschein des Preußischen Standesamts Breslau IV, Heiratsregister Nr. 55 des Jahres 1919, in: Familienbuch, S. 4

15 Ebenda, S. 5

16 Kurt Engelbert/Josef Engelbert: Die katholischen Kirchen Breslaus, Hannover und Hildesheim 1961

17 Dazu die jüngste Untersuchung: Jörg Verhofstadt: Pius XII und die Vernichtung der Juden, (Alibri) Aschaffenburg 2013.

18 Zu Bertram siehe v.a. Joachim Köhler: Das Bertram-Bild in der neuesten deutschsprachigen Forschung. Bericht und Einführung in die Thematik der Tagung, in: Archiv für schlesische Kirschengeschichte; 54, 1996, S. 9-53; ders.: Wahrnehmung und Einschätzung der gesellschaftlichen und politischen Lage in nationalsozialistischer Zeit durch den Breslauer Erzbischof Adolf Kardinal Bertram, in: Joachim Köhler, Rainer Brendel (Hg.): Geschichte des christlichen Lebens im schlesischen Raum, Münster 2002.

19 De.wikipedia.org/wiki/Breslau-Trebnitz-Prausnitzer Kleinbahn.

20 Hierzu siehe Richard Juhnke: Wohlau. Geschichte des Fürstentums und der Kreises, Würzburg 1965, S. 105f., 264f., 342, 449, 450; Franz Josef von Gilgenheimb: Kleine Chronik über Auras Kreis Wohlau; Stadt Auras, hg. von Pfarrer Hoppe, Wiesbaden 1950; Handbuch der historischen Stätten. Schlesien, Stuttgart 1977, S. 8; Heinrich Bartsch: Die Städte Schlesiens, Frankfurt am Main 1983, S. 41f.; Paul Urbanski: Auras in Zahlen und Fakten, o.O.,O.J.; Klaus Ullmann: Schlesien-Lexikon, Mannheim 1985, S. 24f.; Walter Schmidt: Widerstand in Auras/Oder, Kreis Wohlau 1933-1945, in: Cornelia Domachle, Daniela Fuchs-Frotscher, Günter Wehner (Jh.): Widerstand und Heinmatberlust. Deutsche Antifaschisten in Schlesien, Berlin 2012, S. 165-170.

 

21 Dazu siehe Text und Dokumentation in: Walter Schmidt. Widerstand in Auraus/Oder, Kreis Wohlau 1933 bis 1945, in: Cornelia Domaschke, Danielas Fuchs-Frotscher, Günter Wehner (Hg.): Widerstand und Heimatverlust. Deutsche Antifaschisten in Schlesien Berlin 2012, S. 175-177 und 194-203.

22 Siehe dazu de.wikipedia.org/wiki/Kleinkundorf.

23 Siehe de.wikipedia.org/wiki/Mohlsdorf und vor allem auch die dort angezeigte Webseite des Heimat- und Geschichtsvereins Mohlsdorf e.V.

24 Arbeitsbuch L-Th Nr. 05.2/010511: Schmidt, geb. Leppich, Clara

 

 

 

 

 

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